Wir können uns im Moment nicht über mangelnde Schlagzeilen zur psychischen Gesundheit beklagen. Weil bisweilen in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck erweckt wird, die Schweiz sei während der Pandemie psychiatrisch unterversorgt, wollten wir es genauer wissen und haben Sie deshalb gebeten, zwischen dem 19. Februar und 1. März 2021 an unserer Online-Umfrage teilzunehmen. Konkret wollten wir mittels Fragen in Erfahrung bringen, wie es im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 um die Auslastung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxen stand. Wie zu erwarten, ergab sich ein sehr heterogenes Bild: Während die einen in den Kommentaren betonten, den Ansturm kaum bewältigen zu können, berichten andere, sie hätten weniger zu tun gehabt. Übers Ganze gesehen bestätigen die Ergebnisse die Hauptaussage unserer Medienmitteilung vom 11. Februar 2021: Das Therapieangebot der Erwachsenenpsychiatrie ist flexibel genug, um die temporäre Zunahme an Behandlungen bewältigen zu können. Das gilt zumindest für das Jahr 2020. Wir müssen jederzeit damit rechnen, dass sich Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Psyche auch erst später bemerkbar machen, und es gilt deshalb, die Versorgungssituation im Auge zu behalten.
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März 2021 |
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__________________________________________________________________Die konkreten Resultate 2020 verzeichneten 44 Prozent der befragten SGPP-Mitglieder im Vergleich zu 2019 gleich viele Neuanmeldungen, 9 Prozent berichten sogar von einer Abnahme. Bei jenen, die eine Zunahme feststellten, betrug diese im Schnitt 23 Prozent. Die Zahl der durchgeführten Behandlungen war in 48 Prozent der Fälle identisch mit dem Vorjahr, 12 Prozent führten weniger Behandlungen durch. Die Zunahme betrug im Durchschnitt 19 Prozent. Ein ähnliches Bild präsentiert sich in Bezug auf die Wartefristen: Bei 55 Prozent gab es keine Veränderung, und 4 Prozent verzeichneten sogar eine Abnahme. Übers Ganze gesehen berichten 248 Befragte von verlängerten Wartefristen, im Schnitt um rund 30 Tage. Der Therapiebedarf erhöhte sich gerade auch bei Patient*innen, die bereits in Behandlung sind, wie 70 Prozent der Befragten angaben. Bei 508 Umfrageteilnehmende beträgt der Anteil an Patient*innen, die eine intensivere Betreuung brauchten, im Durchschnitt 23 Prozent. Auch haben sich im Jahr 2020, häufiger als 2019, mehr ehemalige Patientinnen und Patienten für eine erneute Behandlung angemeldet, weil sich ihr Zustand verschlechtert hat. Die Ergebnisse unserer Umfrage belegen, dass die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz flexibel und anpassungsfähig genug war, um im Jahr 2020 den gestiegenen Behandlungsbedarf zu gewährleisten. |
_________________________________________________________________Auszüge aus den Kommentaren Verschiedene Mitglieder berichten, dass sie bei manchen ihrer Patientinnen und Patienten eine Verbesserung des Zustandes feststellen. Menschen, die eher zurückgezogen leben oder z.B. autistische Merkmale aufweisen, würden durch die einschränkenden Massnahmen erfahren, dass ihr Lebensstil für einmal nicht ausserhalb der Norm liegt. Jemand merkte an, wie Angst- und Zwangsstörungen sowie damit verbundene Zwangsrituale und Vermeidungsverhalten während der Pandemie kollektiv salonfähiger geworden seien, weshalb sich bei Betroffenen der Leidensdruck verringert habe; sie würden sich weniger "anders" fühlen. Manche Patienten seien froh, dass die sogenannten "Gesunden" jetzt auch mal Einschränkungen hinnehmen müssten. "Sie selber haben oft sehr kleine Renten oder beziehen Sozialhilfe und können weder reisen noch Museen oder Restaurants besuchen", kommentierte ein anderes Mitglied. |
_________________________________________________________________Die Erfahrungen mit der Videotelefonie Eine grosse Mehrheit der Befragten (79 Prozent) hat von der Videotelefonie Gebrauch gemacht, drei Viertel davon gaben an, eher positive Erfahrungen gemacht zu haben. 52 Prozent sind überzeugt, dass die fernmündliche Behandlung auch nach der COVID-19-Pandemie bei gewissen Indikationen die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in Ergänzung zu den Präsenzkonsultationen verbessern könnte. Die fernmündliche Behandlung per Video sei je nach Krankheitsbild und spezifischer Situation der Patientinnen und Patienten eine sinnvolle Erweiterung des Behandlungssettings. Insgesamt herrscht die Meinung vor, dass sich Videobehandlungen sehr gut eignen, um in Pandemiezeiten einen Therapieunterbruch zu vermeiden, dass sie aber Präsenzbehandlungen nicht generell ersetzen können – erst recht nicht, wenn noch kein persönlicher Kontakt zur Patientin bzw. zum Patienten stattgefunden hat. Während einige bemängeln, dass die eingeschränkte Wahrnehmung der nonverbalen Kommunikation die Qualität der Behandlung beeinträchtigt, heben andere hervor, dass sie die Mimik ihrer Patientinnen und Patienten besser erfassen können, da am Bildschirm keine Maske getragen werden muss. Auch gebe es Patienten und Patientinnen, die über Videotelefonie weniger gehemmt seien. Die fernmündlichen Behandlungen stellen insbesondere für Patientengruppen mit bestimmten Ängsten oder Phobien eine Erleichterung dar, unter anderem, weil sie für die Therapie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können und weil sie weniger Reizen ausgesetzt sind. Für Menschen, die sich sprachlich weniger gut ausdrücken können, scheint die Behandlung per Videotelefonie hingegen eine zusätzliche Hürde darzustellen.
Die detaillierten Resultate der Umfrage finden Sie auf der SGPP-Homepage im Mitgliederbereich unter "News". In der Schweizerischen Ärztezeitung wird zudem in einer der kommenden Ausgaben ein entsprechender Beitrag erscheinen. |
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