Biomarker im Fokus

Keynote-Referat PSY-Kongress 2019 von Martin Keck

Der Stressforscher und Psychiater Martin Keck ist überzeugt, dass die Entwicklung von Biomarkern es ermöglicht, Menschen mit genetischer Prädisposition frühzeitig mit minimalen Verfahren zu behandeln. Dies erlaubt auch, sie im Arbeitsprozess zu halten, was ihre Gesundheit fördert.

Sie referieren am Psy-Kongress 2019 zum Thema: «Hält Arbeit gesund?». Ist dem wirklich so?

Dem ist so. Wobei Arbeit natürlich auch krank machen kann. Arbeitnehmende leiden zunehmend unter Zeitdruck, Wertekonflikten oder digitalem Stress. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verwischen immer mehr. Ein physisch und psychisch-emotionaler Risikozustand kann die Folge sein – wir kennen das unter dem Begriff  Burnout. Für die meisten von uns hat Arbeit aber glücklicherweise einen «salutogenetischen» Effekt. Wir wissen, dass Arbeitslosigkeit ein grosser Risikofaktor für psychische Erkrankungen ist. Es fehlen dann unter anderem Sinn und Struktur.

Ist es nicht eine Gratwanderung zwischen einer «erfüllten und dynamischen Arbeitstätigkeit» und «Stress, Überforderung und Burnout»?

Studien zeigen, dass in der Schweiz rund 1.1. Mio. Arbeitnehmende arbeitsbezogene Probleme haben. Ein grosser Anteil davon betrifft die psychosoziale Ebene. Resiliente Menschen sind in solchen Situationen handlungsfähig und ändern beispielsweise eine unbefriedigende Anstellung. Menschen mit einer genetischen Prädisposition haben hingegen ein hohes Risiko zu erkranken. Die Lösung ist hier aber keineswegs, nicht zu arbeiten. Im Fokus stehen die Prävention, Früherkennung und eine frühzeitige Intervention. Dies ist eine wichtige ärztliche Aufgabe, die auch auf Netzwerkarbeit beruht.

Hier bremst aber die Politik, indem sie die Vergütung von Leistungen in Abwesenheit limitiert ...

Dies sind aber genau die Leistungen, die zentral sind. Insbesondere bei psychisch kranken Arbeitnehmenden ist das eine sehr gute Investition. Dies kostet Zeit und Geld, lohnt sich aber mittel- bis langfristig. Hier braucht es daher unbedingt mehr Lobbyarbeit.

Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte sind die Stressfolgeerkrankungen. An was arbeiten Sie genau?

Es gibt ja verschiedene Stressfolgeerkrankungen, wie Depression, Burnout oder Angsterkrankungen. Wir behandeln diese aber vereinfacht gesagt alle mit den gleichen Methoden. Unsere Forschungsarbeit zielt daher darauf, wie wir Erkrankungen besser charakterisieren und in der Folge dann gezielter therapieren können. Mit den richtigen Biomarkern könnten wir, wie beispielsweise bei einer Brustkrebserkrankung, individueller behandeln. Wir könnten darüber hinaus für Betroffene oder Gefährdete rechtzeitig ein präventives Risikofeld definieren und mit minimalen Interventionen vorbeugen. Dafür führen wir am Max- Planck-Institut in München seit 2017 eine grosse Psychotherapiestudie durch, bei der wir drei Therapieformen – die kognitive Verhaltenstherapie, die Schematherapie und ein individuell-supportives Verfahren – vergleichen und mit diversen physiologischen Analysen begleiten, um Biomarker zu suchen. Da wir grosse Fallzahlen benötigen, erwarten wir detaillierte Resultate erst 2025. Schon heute sehen wir aber, dass diese Therapien alle sehr effektiv sind. Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist hier die Epigentik, die ja die Interaktion unserer Gene mit der Umwelt erforscht – und Arbeit ist ja für uns alle ein ganz wichtiger Umweltfaktor.

Was empfehlen Sie als «Stressforscher» Arbeitstätigen für ein «gesundes» Berufsleben?

Zentral ist, dass wir unsere Grenzen erkennen und respektieren. Lernen müssen wir dabei, dass dieser Prozess dynamisch ist und von unseren jeweiligen Lebensphasen abhängt. Stress ist ja an sich nichts Negatives. Probleme entstehen erst, wenn wir Grenzen dauerhaft überschreiten. Manchmal müssen wir uns dann auch fragen, ob unsere Ziele im Leben die richtigen sind? Langfristig ist neben der Trias Schlaf, Bewegung und Ernährung der richtige Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, also Stressmanagement, entscheidend.

Prof. Dr. Dr. Martin Keck ist Vorstandsvorsitzender des renommierten Münchner Bündnis gegen Depression und Gründer sowie Co-Geschäftsführer des Zentrums für Prävention und Psychotherapie Kloster Frauenchiemsee (www.gesundheit-frauenchiemsee.de). Von 2014-2019 war er Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, München. Nach seiner Ausbildung in Ulm, München, Basel, London und Zürich war er zunächst bis 2005 am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München tätig. Dann wechselte er nach einer Zwischenstation an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich an die Klinik Clienia Schlössli, wo er zuletzt bis 2014 als Ärztlicher Direktor tätig war. Sein wissenschaftlicher und klinischer Schwerpunkt liegt im Bereich der Depression, insbesondere der Stressfolgeerkrankungen. Martin Keck leitete am Max-Planck-Institut für Psychiatrie den neuen Forschungsbereich Biologische Neuropsychotherapie und eine der weltweit grössten Psychotherapie-Studien zu Biomarkern. www.martinkeck.info 

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