«Die ärztliche Weiter- und Fortbildung muss Entwicklungen aufnehmen!»

Schweizer Ärztinnen und Ärzten haben aktuell die Wahl zwischen 46 Facharzttiteln, 38 Schwerpunkttiteln und 33 Fähigkeitsausweisen. Die Spezialisierung schreitet also voran, zeitgleich hat es zu wenig Ärzte und zu wenig Nachwuchs. Werner Bauer, der das SIWF leitet, will nicht zu viel steuern, sondern jungen Ärzten die Möglichkeit geben, sich selber zu entwickeln.

Herr Dr. Bauer, ein Phänomen der modernen Medizin ist die Spezialisierung. Wie ist hier die Haltung des SIWF – der ärztlichen Weiterbildungsinstanz?

Das Thema ist sicher komplex und seitens des SIWF stehen wir einer Überspezialisierung oder gar  Fragmentierung auch sehr kritisch gegenüber. Der Fortschritt der Medizin und neue Methodenverlangen  aber immer differenziertere Fähigkeiten. Dies oft im Rahmen weltweiter Entwicklungen. Als Mitglied der Union Européenne des Médecins Spécialistes (UEMS), welche die europäischen Curricula erarbeitet und genehmigt, sind wir in diese Entwicklungen einbezogen und können sie  mitgestalten. Sicher gibt es auch hier und da versteckte standespolitische Agenden, wo via die Weiterbildungstitel zum Beispiel ein Monopol bewahrt oder geschaffen werden soll, an das die Abrechenbarkeit gekoppelt ist.

Konkret: Wie viele neue Titel hat das SIWF in den vergangenen Jahren geschaffen?

Bei den Facharzttiteln wurden keine neuen geschaffen, aber aus den drei chirurgischen Schwerpunkten Hand-, Gefäss- und Thoraxchirurgie wurden eigene Facharzttitel gemacht, auch als Folge der internationalen Entwicklungen. Neu haben wir einen interdisziplinären Schwerpunkt geschaffen: die Palliativmedizin. Dies mit Unterstützung von Bund, H+ und den Fachgesellschaften, die ja alle an sich  gegenüber «zu vielen Subtiteln» kritisch sind. Hier meinen wir aber, dass eine strukturierte  Weiterbildung Sinn macht. Ein Diskussionsthema ist zurzeit eine Aufwertung der  klinischen Notfallmedizin, die gegenwärtig  ein Fähigkeitsausweis ist.

Aber die Fähigkeitsausweise scheinen sich zu vermehren ...

Die Fähigkeitsprogramme basieren fast immer auf neuen oder fortgeschrittenen Techniken oder Methoden, die speziell erlernt werden müssen. Hier geht es uns deshalb primär um die Qualität. Nehmen wir die thermische Ablation von Varizen. Ein Fähigkeitsausweis soll eine nachweisbare genügende Kompetenz garantieren, weil die Methode so strukturiert erlernt werden muss. Bei bestimmten Techniken wie dem „point of care“- Ultraschall hat man erkannt, dass es für bestimmte Untersuchungen, zum Beispiel auf der Notfallstation oder für definierte Organbereiche, ein geringeres Rüstzeug braucht als für die umfassende Kompetenz in der Sonographie. Deshalb wurde die Schaffung des Fähigkeitsausweises «Fokussierter Ultraschall» beschlossen.

Herrscht immer Einvernehmen?

Natürlich finden in den involvierten Gruppierungen und Gesellschaften oft intensive Diskussionen über die Notwendigkeit und die Ausgestaltung eines neuen Titels statt.  Da gibt es oft  Pro- und Contra-Positionen. Die Kardiologen überlegen sich zum Beispiel zurzeit, ob ein Schwerpunkt für interventionelle Kardiologie Sinn machen könnte. In der Regel sind es  Fachgesellschaften oder Organisationen des betreffenden Spezialfachs, die sich für die Anerkennung einer neuen Subdisziplin einsetzen, Impulse setzen und ein neues Programm beantragen. Das SIWF prüft, entscheidet und genehmigt – oder auch nicht. Manchmal braucht es Mediationsgespräche mit allen Beteiligten, bevor der Anerkennungsprozess konkret werden kann. Während das SIWF für die Facharzttitel und die Schwerpunkte zuständig ist, haben wir für die Fähigkeitsausweise Verträge mit den entsprechenden Gesellschaften, die sie dann direkt verwalten. 

Ein wichtiges Thema ist der Nachwuchsmangel. Wo bringt sich dabei das SIWF ein?

Fakt ist, dass die Medizinalberufekommission (MEBEKO) aktuell in der Erwachsenenpsychiatrie rund 130 Facharztdiplome im Jahr anerkennt, wir selber aber nur rund 100 inländische Diplome verleihen. Hier können wir den Bedarf nicht decken. Statistisch haben wir zwar eine hohe Ärztedichte, aber in vielen  Bereichen doch zu wenige Ärzte. Bisher war die Anzahl der Studienplätze sicher zu tief. Nun werden sie  auf rund 1300 pro Jahr erhöht, wobei fraglich ist, ob das reicht. Ich sehe die dringende Notwendigkeit, dass wir  uns grundsätzlich mit unserem Berufsbild beschäftigen und uns fragen, was die künftige Rolle der Ärztin und des Arztes im Gesundheitswesen ist? Es entstehen ja auch immer wieder neue Berufe, wie zum Beispiel der des  «Genetic Counsellor» oder des «Physician Assistant». Der «Dialog Nationale Gesundheitspolitik» (getragen von BAG und GDK) hat zur Bearbeitung solcher Fragen die Plattform „Ärztliche Bildung“ geschaffen, die sich in Themengruppen zum Beispiel mit der Koordination der Weiterbildung oder mit der Subspezialisierung an den Spitälern befasst. Die FMPP ist darin durch Pierre Vallon vertreten.

Sollen wir zusätzlich zum Zulassungsstopp auch die Weiterbildung steuern?

Eine eigentliche Steuerung ist schwierig, birgt die Gefahr rigider Planwirtschaft in sich und es fragt sich sehr, ob wir dann wirklich die richtigen Ärzte am richtigen Platz  haben, zum Beispiel wenn wir jemanden, der Urologe werden wollte, in die Hausarztmedizin drängen. Wir vom SIWF wollen jungen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit geben, sich selber zu entwickeln und ihren Neigungen zu folgen. In diesen Kontext fallen auch die manchmal vorgeschlagenen  Tracks in Richtung verschiedener Fachbereiche schon im Studium. Unserer Erfahrung nach und auch auf Grund von Umfragen, benötigen die Jungen eine gewisse Zeit und eigene Erfahrung, um sich definitiv zu entscheiden.

Mit der Weiterbildung ist es nicht getan. Braucht es die Fortbildungsverpflichtung?

Ich bin als Leiter des SIWF und als Arzt davon überzeugt! Wir haben einen selbstverantwortlichen Beruf und müssen uns fortbilden. Über das Credit-System (eine Stunde = ein Credit) kann man diskutieren, es gibt offensichtlich weltweit im Moment einfach nichts Besseres. Den Rahmen von 80 Credits im Jahr erachte ich mehr als vertretbar. 30 Stunden können im Selbststudium erbracht werden, je 25 fachspezifisch und weitere 25 fächerübergreifend. Das ist machbar für alle und kommt schliesslich unseren Patientinnen und Patienten zugute.

Dr. Werner Bauer ist Facharzt für allgemeine innere Medizin und Medizinische Onkologie. Während vieler Jahre führte er eine internistische Hausarztpraxis im Zürcherischen Küsnacht. Seit 2010 leitet er als Präsident das Schweizerische Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung SIWF.

Wussten Sie, dass ...?

... die Bezeichnung FMH-Titel heute nicht mehr richtig ist, denn mit der gegenseitigen europäischen Diplomanerkennung im Jahr 2002 wurden die Facharzttitel zu staatlichen Titeln. Korrekt ist die Bezeichnung «Fachärztin für Psychiatrie und -psychotherapie». Dazu kann folgender Verweis auf die Mitgliedschaft im Ärzteverband angefügt werden: «und Mitglied der FMH».  


 

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