AdoASSIP: Suizidversuche bei Jugendlichen früher erkennen

Die Entwicklung ist alarmierend: Das suizidale Verhalten bei Jugendlichen nimmt zu. Das neue Programm „AdoASSIP“ interveniert gezielt nach einem Suizidversuch und trägt zur besseren Vernetzung behandelnder Akteure bei. Das soll nicht nur die Versorgung von Jugendlichen nach Suizidversuchen verbessern, sondern auch die involvierten Ärzt*innen und Therapeut*innen entlasten. 

Isabelle Häberling, Gregor Berger, Dagmar Pauli und Susanne Walitza*

25 Prozent aller Todesfälle bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden auf Suizide zurückgeführt. Besonders hohe Risikofaktoren für Suizide sind frühere Suizidversuche sowie nicht-suizidales selbstschädigendes Verhalten.  Bisher gibt es keine systematische Erhebung von Schweizer Daten zur Anzahl von Suizidversuchen bei Jugendlichen. International wird von einer Zunahme suizidaler Verhaltensweisen bei Jugendlichen ausgegangen. Auch in der Schweiz scheint sich diese Tendenz zu bestätigen, was sich zum Beispiel in einer stetig ansteigenden Inanspruchnahme von jugend-spezifischen Beratungsangeboten und kinder- und jugendpsychiatrischen Notfällen widerspiegelt. Diese Entwicklung ist alarmierend und fordert Strategien zur Prävention und Behandlung von suizidalen Verhaltensweisen in dieser gefährdeten Altersgruppe. 

AdoASSIP wird ab 2022 in verschiedenen Kantonen eingeführt

An der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (KJPP Zürich) wird im Moment das Kurzinterventionsprogramm AdoASSIP zur Identifikation, Behandlung und Sicherstellung der Nachsorge für Jugendliche nach einem Suizidversuch entwickelt und implementiert. AdoASSIP ist eines von 45 Projekten, welche aktuell durch die Projektförderung der Prävention in der Gesundheitsversorgung von Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt werden[i]. Der Therapieteil basiert auf dem bei Erwachsenen bereits wissenschaftlich evaluierten Konzept ASSIP (Attempted Suicide Short Intervention Program).[ii] AdoASSIP wird ab diesem Jahr in der KJPP Zürich unter Leitung von PD Dr. Gregor Berger umgesetzt und ab 2022 in mehr als 13 weiteren Kinder- und Jugendpsychiatrischen Institutionen in neun Kantonen und vier Halbkantonen (AI, AR, BE, BL, BS, GE, LU, NW, OW, SG, TG, VD, ZH) implementiert.

So funktioniert AdoASSIP

Der Therapieteil von AdoASSIP ist eine hoch spezialisierte Kurzintervention aus vier Sitzungen, die parallel zur regulären, in der Regel ambulanten Therapie durchgeführt wird. In der ersten Sitzung erzählen die Jugendlichen ihre Geschichte, wie es zum Suizidversuch kam, wobei dieses Interview auf Video aufgenommen wird. In der zweiten Sitzung werden zusammen mit der/dem Jugendlichen ausgewählte Videosequenzen bearbeitet, und die mit dem Suizidversuch assoziierten Gedanken und Emotionen besprochen. In der dritten Sitzung wird für jede/n Patient*in individuell ein Notfallplan erarbeitet, welcher auf einer App festgehalten oder auf Papier abgegeben wird. Falls der/die Patient*in bereits eine Psychotherapie wahrnimmt, wird der/die reguläre Therapeut*in in den Notfallplan eingebunden und über die Notfallstrategien informiert. In der vierten Sitzung wird, falls gewünscht, der Notfallplan mit der Familie besprochen. Danach gibt es alle drei Monate eine Kontaktaufnahme während zwei Jahren, um sicherzustellen, dass es dem/r Jugendlichen gut geht oder andernfalls Hilfe aufgegleist werden kann.

Suizidversuche therapeutisch aufarbeiten

Indem der Suizidversuch in einer spezifischen Intervention therapeutisch aufgearbeitet wird, kann das AdoASSIP-Programm zur Entlastung von Ärzt*nnen und Therapeut*innen beitragen, welche diese Hochrisikopopulation behandeln. Durch die Zuweisung möglichst aller Jugendlichen, die einen Suizidversuch begangen haben, sollen Suizidversuche bei Jugendlichen in der Schweiz auch besser erkannt und erfasst werden. Weiter soll das AdoASSIP Programm dazu dienen, dass betroffene Jugendliche, welche noch keine professionelle Hilfe erhalten, therapeutisch eingebunden werden, indem Anschlusslösungen organisiert werden. Dadurch trägt AdoASSIP auch zu einer besseren Vernetzung wesentlicher Akteure bei und fördert die Zusammenarbeit von Kinder- und Hausärzt*innen, niedergelassenen Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, Notfallstationen, schulpsychologischen Diensten und kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken.

Es ist somit zu erwarten, dass das AdoASSIP-Projekt die Versorgung von Jugendlichen nach Suizidversuchen verbessern, Therapeut*innen und andere Akteure entlasten sowie zukünftige Suizidversuche und Jugendsuizide präventiv verhindern wird. Die gute Zusammenarbeit aller an der Behandlung der Jugendlichen Beteiligten ist dabei ein zentraler Bestandteil. Das AdoASSIP-Programm kann damit auch zur besseren Vernetzung beitragen. Als Projektkoordinatorin konnten wir Dr. phil. Isabelle Haeberling gewinnen, die bereits aktuell ein überkantonales Projekt, in das zahlreiche Schweizer Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste und Klinken eingebunden sind, koordiniert und bei Fragen neben der gesamten Projektleitung (Gregor Berger, Dagmar Pauli und Susanne Walitza) zur Verfügung steht. 

*Dr. phil. Isabelle Häberling, Koordinatorin von AdoAssip

 PD Dr. med. Gregor Berger, Leiter Notfall KJPP, Projektleitung AdoAssip

 KD Dr. med. Dagmar Pauli, Stv. Klinikdirektorin, Chefärztin KJPP Zürich, Co-Projektleitung AdoAssip

 Prof. Dr. med. Susanne Walitza, Klinikdirektorin KJPP Zürich, Co-Projektleitung AdoAssip 

 


[i] URL: gesundheitsfoerderung.ch/pgv/aktuelle-foerderrunde/ausgewaehlte-projekte/adoassip.html

[ii] Gysin-Mallart et al., 2015; Michel et al., 2017.

 

.hausformat | Webdesign, Typo3, 3D Animation, Video, Game, Print