Bei der Erarbeitung aktueller Berichte über psychische Gesundheit und psychische Erkrankungen (vgl. Bericht zur Erfüllung des Postulats Stähelin «Zukunft der Psychiatrie») ist das BAG auf Widersprüche gestossen, wie etwa die Diskrepanz zwischen der tiefen Inanspruchnahme professioneller Hilfe bei psychischen Belastungen/Erkrankungen und der hohen Psychiaterdichte der Schweiz im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. Daher hat das BAG zwei Studien erstellen lassen. Die Ergebnisse der ersten Studie zur «Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz» lagen im November 2016 vor, der Bericht zum «Vergleich der Tätigkeiten von Psychiaterinnen und Psychiatern in der Schweiz und im Ausland» kann seit Anfang März 2017 eingesehen werden.
In dieser Studie wurden folgende Aspekte in der Schweiz, in Deutschland, in England und in den Niederlanden miteinander verglichen:
- Versorgungsdichte und Struktur der «Mental Health Workforce»,
- Aufgabenteilung zwischen Psychiater/innen und anderen involvierten Berufsgruppen,
- Tätigkeiten, Leistungserbringung und Produktivität der Psychiaterinnen und Psychiatern,
- Weiterbildungsprogramme und Berufsbilder des Fachgebiets Psychiatrie,
- spezifischen Finanzierungsmodalitäten für die psychische Gesundheitsversorgung.
Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse stichwortartig zusammengefasst:
- Die Schweiz hat im internationalen Vergleich die höchste Anzahl Psychiaterinnen und Psychiater pro 100‘000 Einwohnerinnen und Einwohner (CH 51, D 24, GB 18, NL 19). Obschon in der Schweiz ein vergleichsweiser grosser Anteil Teilzeit gearbeitet wird, bleiben diese Unterschiede auch bei der Betrachtung der Vollzeitäquivalente bestehen (die Schweiz weist generell eine hohe Ärztedichte auf). Auffallend ist zudem der hohe Anteil an ausländischen Fachärztinnen und Fachärzte in der Schweiz (34%).
- In der Schweiz, mit der Möglichkeit des freien, direkten Zugangs, sind die Psychiaterinnen und Psychiater in 42% der Fälle erste Anlaufstelle bei psychischen Beeinträchtigungen, haben also eine Grundversorgerrolle im Bereich Mental Health inne. In den Vergleichsländern nehmen mehrheitlich die Hausärztinnen und Hausärzte diese Funktion ein.
- Folglich erbringen hierzulande Psychiaterinnen und Psychiater einen wesentlichen Teil der Versorgungsleistungen im Bereich der psychischen Gesundheit. In den Vergleichsländern existiert eine grössere Diversität an involvierten auch nicht-ärztlichen Berufsgruppen. Insbesondere in Ländern mit Gatekeeping-Systemen (England und Niederlande) werden Psychiaterinnen und Psychiater fast ausschliesslich für die Behandlung schwerer, komplexer, psychischer Erkrankungen eingesetzt.
- Der Anteil der Personen, die in den letzten 12 Monaten fachliche Unterstützung für psychische Probleme gesucht hat, ist in der Schweiz markant tiefer als in den Vergleichsländern (5% vs. 12-18%). Bei Psychiaterinnen und Psychiater mit Wartezeit muss sich ein Patient in der Schweiz durchschnittlich 6-7 Wochen gedulden bis zur Aufnahme der Behandlung. In den Vergleichsländern sind diese Wartezeiten tendenziell länger, in Deutschland bis zu 23 Wochen.
- Psychiaterinnen und Psychiater in der Schweiz sind hauptsächlich im ambulanten Versorgungsbereich tätig (73%).
- Die in England und den Niederlanden weit verbreiteten multiprofessionellen Versorgungsteams im ambulanten und intermediären Bereich sind in Deutschland und insbesondere in der Schweiz weitgehend erst im Aufbau begriffen.
- Im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen in den Vergleichsländern ist der Anteil der medizinischen, patientennahen Tätigkeit der Schweizer Psychiaterinnen und Psychiater tiefer (59% im Vergleich zu z.B. Deutschland mit 71%). Dafür beanspruchen die weiteren Tätigkeiten und die Administration immer mehr Zeit. Fehlende Vergleichsdaten lassen in der Studie jedoch keinen Vergleich der effektiven Produktivität über die untersuchten Länder hinweg zu.
- In der Summe dauert die Aus- und Weiterbildung von Psychiaterinnen und Psychiater in den verglichenen Ländern in etwa gleich lang, ca. 11 bis 12 Jahre. In Deutschland, England und den Niederlanden erfolgt die Differenzierung stärker über Facharzttitel, derweil in der Schweiz die Ausdifferenzierung über Schwerpunkttitel erfolgt.
- In den Vergleichsländern bestehen im Gegensatz zur Schweiz Steuerungsmechanismen im Bereich der Zulassung von Leistungserbringern (in den Niederlanden bereits bei den Aus- und Weiterbildungsplätzen) und in der Festlegung von Obergrenzen beim Leistungsvolumen.
- In der Schweiz ist die psychische Gesundheitsversorgung anteilsmässig kostengünstiger als in den Vergleichsländern. In der Schweiz machen die Kosten im Bereich Mental Health gut 9% der gesamten Gesundheitskosten aus, derweil der Kostenanteil z.B. in den Niederlanden doppelt so hoch ist.
- In der Finanzierung stellt die Schweiz im ambulanten Bereich mit den Einzelleistungsvergütungen ein Sonderfall dar. In den Vergleichsländern wird die Vergütung vermehrt über (regionale) Leistungspakete und Globalbudgets geregelt. Die Finanzierung intermediärer Angebote gestaltet sich aktuell noch in allen untersuchten Ländern als eher heterogen.
Zusammenfassend dürfte der Fokus von Verwaltung und Politik in der Diskussion um eine zukünftige psychische Gesundheitsversorgung in der Schweiz verstärkt auf die Rollendefinition der Psychiaterinnen und Psychiater und deren Aufgabenteilung mit anderen Berufsgruppen liegen. Vor allem dann, wenn sich die Nachwuchsproblematik noch akzentuieren sollte. Auch dürften sie vermehrt der Versuchung verstärkter Steuerungsbemühungen unterliegen, ungeachtet der Tatsache, dass sich unser System im Ländervergleich als durchaus effizient erweist.