BASS-Studie über die psychische Versorgung in der Schweiz publiziert – Resultate bestätigen Unter- und Fehlversorgungen

Eine im 2016 durchgeführte und nun publizierte BASS-Studie ermöglicht erstmals eine Art Landkarte für die psychiatrische Versorgung in der Schweiz. Sie bestätigt Hinweise auf Behandlungslücken – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Die FMPP fordert die professionelle Versorgung aller Betroffenen. Dafür ist der Zugang durch intermediäre Angebote zu sichern, die Finanzierung von Vorhalteleistungen zu regeln, die Interprofessionalität voranzutreiben und eine konsequente Nachwuchsförderung anzugehen. Die FMPP empfiehlt nun rasch eine interdisziplinäre nationale Taskforce einzusetzen.

In der Schweiz gilt der Grundsatz, dass jede Person, die Hilfe aufgrund einer psychischen Erkrankung braucht, diese auch erhalten soll. Entsprechend des Schwerpunktes «Psychische Versorgung» in der Strategie «Gesundheit 2020» hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Jahr 2015 eine Bestandsaufnahme gemacht, um Handlungsfelder zu definieren. Etwa zeitgleich erarbeitete die Behörde dazu einen Bericht als Antwort auf das Postulat Stähelin «Zukunft der Psychiatrie». Aufgrund dieser Vorarbeiten des BAG entstand der Verdacht einer Behandlungslücke in diesem Versorgungssektor, obwohl die Schweiz im Vergleich der OECD-Staaten die höchste Dichte an Psychiatern hat. Deshalb gab das BAG beim Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) eine Studie mit folgenden Kernfragen in Auftrag: Gibt es eine Behandlungslücke im Bereich der psychischen Versorgung respektive eine Unter- oder Überversorgung? Gibt es Zugangshürden? Wie ist das im Kontext der hohen Dichte an Psychiatern zu verstehen?

Behandlungslücken in der psychischen Versorgung
Die im 2016 durchgeführte und Ende Jahr publizierte BASS-Studie ermöglicht nun eine Art Landkarte für die psychiatrische Versorgung in der Schweiz und bestätigt erstmals Hinweise auf Behandlungslücken. Diese Versorgungsengpässe lassen sich aufgrund fehlender Daten zwar nicht beziffern, stützen sich aber auf die Erhebungen bei den Kinder- und Jugend- sowie Erwachsenenpsychiatern, den Grundversorgern, Experten, Betroffenen und Angehörigen. Die aktuelle Landkarte für die psychiatrische Versorgung in der Schweiz belegt Ungleichgewichte zwischen Praxis und Institutionen, zwischen Stadt und Land und zwischen Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie. Lange Wartefristen begründen sich mit nicht-finanzierten Vorhalteleistungen (z.B. für Notfälle) sowie mit ungenügenden Entlastungen psychiatrischer Praxen durch interprofessionelle Modelle. Gewisse Zielgruppen werden so nicht genügend unterstützt, da Koordinations- oder Sozialarbeit nicht finanziert sind.

Defizite bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Notfallangeboten
Von der Versorgungslücke bei psychisch Erkrankten sind insbesondere die Kinder und Jugendlichen betroffen – unabhängig von Angebotsform oder Region. Die Gruppe von Familien aus tieferen sozio-ökonomischen Schichten trifft es dabei besonders hart. Es bestehen lange Wartezeiten für einen Therapieplatz. Dazu gibt es einen grossen Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern. Scham, Stigmatisierung und Distanz zum Behandlungsort sind Gründe, warum Angebote in dieser Patientengruppe nicht genutzt werden. Bei den Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen betrifft die Behandlungslücke jene mit Compliance-Problemen oder mit psychosozialen Belastungen. Es besteht dazu ein Defizit bei Notfallangeboten und Kriseninterventionen. Scham und Stigmatisierung erschweren hier die fehlende Krankheitseinsicht und lange Wartezeiten den Zugang zur Behandlung. Es fehlen Nachwuchskräfte in den Institutionen. Bei beiden Gruppen mangelt es an Behandlungsplätzen, die über die Grundversicherung finanziert werden. Dazu sind Koordinations- und Vernetzungsarbeiten unterfinanziert. In der Erwachsenenpsychiatrie besteht Optimierungsbedarf bei den interprofessionellen Ansätzen.

FMPP fordert Taskforce
Die FMPP begrüsst, dass die BASS/BAG-Studie erstmals ein gesamtschweizerisches Bild der psychiatrischen Versorgung ermöglicht. Besonders ernst zu nehmen sind dabei aber die Hinweise auf aktuelle Unter- bzw. Fehlversorgungen und deren Ursachen. Der Dachverband der Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie engagiert sich seit langem für die gefundenen Hotspots der Erhebung. Der Verband vertritt die Position, dass die richtige und zeitgerechte Versorgung Betroffener stets im Zentrum aller Aktivitäten stehen muss. Dafür ist der Zugang zur psychischen Versorgung durch intermediäre Angebote sowie Re-Finanzierungsmodelle für Vorhalteleistungen zu sichern, die Interprofessionalität voranzutreiben und eine konsequente Nachwuchsförderung mit Fokus Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie Institutionen anzugehen. Für die Maxime «ambulant vor stationär» erarbeiten die verschiedenen affiliierten Facharztgesellschaften regelmässig Guidelines, Leitlinien und Behandlungsempfehlungen. Um die in der Studie skizzierten Handlungsfelder anzugehen, empfiehlt die FMPP eine nationale, interdisziplinär zusammengesetzte Taskforce einzusetzen, bei welcher sich die FMPP engagiert für die Anliegen der psychisch Erkrankten sowie der Berufsgruppe der Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendpsychiater einsetzen wird. 

Psychiatrische Versorgung von Kinder- und Jugendlichen in der Schweiz?
  • Es bestehen Hinweise auf eine Unter- respektive Fehlversorgung von Kindern und Jugendlichen.
  • Betroffen sind alle Regionen und Angebotsformen, aber vor allem Kinder und Jugendliche aus Familien mit tiefem sozio-ökonomischen Status.
  • Kinder und Jugendliche warten häufiger und länger auf einen Therapieplatz.
  • Es besteht ein Mangel an Kinder- und Jugendpsychiatern.
  • Es bestehen Zugangsschwierigkeiten von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit tiefem sozio-ökonomischen Status.
  • Zugangshürden liegen in den Bereichen Scham/Stigmatisierung sowie der örtlichen Distanz zum Behandlungsangebot.
Psychiatrische Versorgung von Erwachsenen in der Schweiz?
  • Es bestehen Hinweise auf eine teilweise vorhandene Unter- respektive Fehlversorgung von  Erwachsenen. Diese betreffen spezifische Regionen, Angebotsformen und Zielgruppen.
  • Je ländlicher desto geringer ist die Angebotsdichte.
  • Eine deutliche Lücke besteht in Krisen- oder Notfallsituationen.
  • Es besteht ein Fachkräftemangel in den Institutionen.
  • Personen, deren Erkrankung die Therapie erschwert, sowie jene mit psychosozialen Belastungen haben Zugangs- und Versorgungsschwierigkeiten.
  • Dazu zeigen sich Hinweise auf Optimierungsbedarf in Bezug auf Ressourceneinsatz und Vernetzung.  
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