Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf die forensische Psychiatrie

Während viele Gefängnisinsassen weltweit während der Pandemie rebellierten, erlebte die forensische Psychiatrie in der Schweiz nichts dergleichen. Die Patienten akzeptierten die Massnahmen. Trotzdem hat die Krise Schwachstellen aufgezeigt.

Frau Kochuparackal, wann wurde Ihnen das Pandemierisiko bewusst?

Wie andere auch, dachte auch ich zuerst, dass das Risiko vergleichbar sei mit dem in einem schlimmen Grippejahr. Doch als das Virus im Januar Norditalien mit einer ähnlichen Bevölkerungsstruktur wie die der Schweiz erreichte und mit einer sehr hohen Hospitalisations- und Mortalitätsrate einherging wurde es bedrohlich.

Wie war die Forensik betroffen?

Im stationären Bereich der Forensik sind vornehmlich jüngere Männer untergebracht. Diese sind häufig multimorbid. Da sie zudem in einem Zwangskontext in unserer Klinik untergebracht sind, die Wohnverhältnisse eng sind und klar war, dass Verlegungen in somatische Spitäler im Falle von schweren Krankheitsverläufen schwierig sein würden, war es unser oberstes Ziel, Patienten und Personal vor einem unkontrollierten Krankheitsausbruch zu schützen.

Wie haben Sie das gemacht?

Unsere Massnahmen zielten auf die Stationsabläufe. Wir legten jenseits der Hygiene- und Distanzregeln neue Regeln für den stationären Bereich fest. So haben wir Mitarbeitende fix jeweils einer Station zugeteilt, die Bewegungen nach innen und aussen reduziert indem wir bspw. externe Arbeitstätigkeiten vorübergehend gestoppt haben sowie zusätzlich für Personal und Besucher eine Maskenpflicht einführten. Die Patienten untereinander behandelten wir als Familienkollektiv. Mit der Einführung dieser Massnahmen haben wir alle Patienten, unabhängig von Symptomen, im Sinne einer Basistestung SARS-CoV2 untersucht. Im Verlauf haben wir bei Auftreten von Symptomen niederschwellig weitere Testungen durchgeführt.

Hatten Sie Quarantänefälle?

Wir hatten einen Fall unter den Patienten, den wir für 14 Tage kontaktisolierten. Bei allen Patienten haben wir zu den Hygiene- und Abstandmassnahmen regelmässig Fieber gemessen.

Welche Effekte hatte die Pandemie auf Ihre Arbeit, Ihre Mitarbeitenden und die Insassen?

Wir bemühten uns, alle abzuholen und Verständnis zu schaffen. Und: Es ist uns gelungen, alle ins Boot zu holen. Die Patienten zeigten eine hohe Akzeptanz für die Massnahmen, obwohl sie weniger Ausgänge oder Besuche hatten. Selbst die Jugendabteilung hat gut mitgemacht.

... und jetzt, welche Massnahmen gelten bei Ihnen?

Inzwischen konnten auch wir einige Massnahmen zurücknehmen. Hygiene- und Abstandsregeln gelten weiterhin. Wir legen viel Wert darauf, die Patienten zu einem sicheren Umgang mit den Hygiene- und Abstandsregeln zu befähigen und die Akzeptanz für das Maskentragen in kritischen Situationen zu verfestigen. Hier fokussieren wir stark auf die Patienten, die extern arbeiten oder in den Ausgang gehen. Dann setzten wir auf Früherkennung und testen niederschwellig. Das Personal trägt im stationären Bereich weiterhin einen Mundschutz.

Welche Herausforderungen gab es für die Forensik?

Wir waren besorgt, über die beschränkten Ressourcen für somatische Notfälle bei Menschen, die einen Sicherheitskontext brauchen. Es gibt nur eine Gefängnisstation im Inselspital für die Deutschschweiz mit wenigen Plätzen. Wir wären auf verschiedenen Ebenen stark gefordert gewesen, wenn wir vielen Infekterkrankte in unserer Klinik hätten weiterbetreuen müssen. Von der Altersstruktur haben wir weniger Risikogruppen, allerdings haben viele Insassen somatische Comorbititäten wie Hypertonie oder nikotinbedingte Folgeerkrankungen.

Was wäre rückblickend zu verbessern?

Die Zusammenarbeit innerhalb der Klinik und mit den Behörden erlebten wir als konstruktiv. Anzugehen sind aber zwei Themen: Erstens gibt es für psychisch-kranke Strafffällige in der Somatik nur wenige stationäre Behandlungsplätze. Und zum anderen hat die Zusammenarbeit an der Schnittstelle zwischen Psychiatrie und Somatik noch grosses Potenzial. Hier könnten wir uns als Psychiaterinnen und Psychiater mehr einbringen.

Die forensische Psychiaterin Tanya Kochuparackal ist Leitende Ärztin ad interim in der Klinik für Forensik an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

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