Die Folgen der Pandemie im weltweiten Vergleich

Interview: Manuela Specker, Kommunikationsbeauftragte 

 

Mehr als 150'000 Menschen aus 155 Ländern (4689 in der Schweiz) und 6 Kontinenten haben sich bis anhin an der COH-FIT-Studie beteiligt, der gross angelegten Online-Umfrage, die seit Ende April 2020 läuft und die psychischen und physischen Folgen der COVID-Pandemie in den Blick nimmt. (COH-FIT steht für “Collaborative Outcomes study on Health and Functioning during Infection Times”). Ziel ist, sowohl die kurz- als auch die längerfristigen Auswirkungen der COVID-Pandemie auf die psychische und körperliche Gesundheit von Erwachsenen, Jugendlichen (14-17 Jahre) und Kindern (6-13 Jahre) aus der Allgemeinbevölkerung weltweit zu ermitteln sowie entsprechende Risiko- und Resilienzfaktoren zu identifizieren.

 

Prof. Dr. Christoph Correll, der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité Universitätsmedizin in Berlin, leitet gemeinsam mit Marco Solmi, Psychiater an der Universität Padua, die Online-Umfrage und stellt hier die ersten Erkenntnisse und die Überlegungen hinter dem ambitiösen Projekt vor.

 

Was können sich Psychiater*innen von den Studienergebnissen erhoffen?

Christoph Correll: Wir wollen Subgruppen identifizieren, denen es besonders schlecht geht, um sie mit gezielteren Aufklärungs- und Therapiemassnahmen anzusprechen. Wir erwarten zudem auch, Faktoren auf die Spur zu kommen, die einen besseren Umgang mit der Pandemie und ihren Folgen ermöglichen, sei es auf der individuellen oder der systemischen Ebene. Mit diesen Ergebnissen können evidenzbasierte Strategien für das psychische Wohlbefinden während und nach einer Pandemie jetzt und auch in der Zukunft entwickelt werden.

 

Zeichnen sich bereits erste Tendenzen ab?

Zu einer der stärksten Bewältigungsstrategien gehört Bewegung. Das kann eine sportliche Betätigung sein, oder auch nur ein Spaziergang. Der Ländervergleich zeigt uns schon jetzt: Parkschliessungen wie in Italien waren kontraproduktiv. Es wäre wichtig, Parks und Sportplätze offen zu halten und alles zu fördern, was Bewegung im Freien ermöglicht. Weiter haben wir auch gesehen, dass das Internet als Tor zur Welt für viele eine wichtige Strategie darstellt, besser mit den Einschränkungen und Unsicherheiten umzugehen. Gleich dahinter kamen direkter Kontakt mit anderen und Kontakt via soziale Medien.

 

Aber gerade bei Kindern und Jugendlichen kann die verstärkte Nutzung des Internets doch auch einen problematisch Medienkonsum fördern?

Vermehrte Exzesse wie stundenlanges Gaming haben wir bis anhin noch nicht als relevante Tendenz festgestellt. Es besteht aber in der Tat die Gefahr, dass sich eine unkontrollierte Internetsucht entwickelt, welche die betroffenen Kinder und Jugendlichen abstumpft und sie vom Lernen abhält. Da ist es wichtig, alternative Beschäftigungen anzubieten, Eltern zu sensibilisieren und aufzuklären, sowie Hilfsangebote liefern zu können.

 

Welche Subgruppe ist neben Kinder und Jugendlichen von den Folgen der Corona-Pandemie besonders stark betroffen?

Vor allem Frauen, die Mehrfachbelastungen tragen müssen. Bei ihnen können wir bedeutend mehr Stress, Einsamkeit und Wut ausmachen. Wenn sie das Home-Schooling zu bewältigen haben, den ganzen Haushalt bewerkstelligen und selber auch noch erwerbstätig sind, ist das eine grosse Belastung. Sie sind quasi die Wasserträgerinnen der Pandemie und brauchen unbedingt stärkere Unterstützung – erst recht, wenn eines der Kinder noch mit psychischen und/oder Schulproblemen zu kämpfen hat. Dass es Frauen besonders stark trifft, hat wohl auch mit den gesellschaftlichen Erwartungen zu tun, denen Mütter viel stärker und in mehreren Rollen gleichzeitig ausgesetzt sind als Väter.

 

Besonders gefährdet in einer Pandemie sind auch Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, die zu allem auch noch ein erhöhtes Infektionsrisiko haben. Was müssten da die Lehren für die Zukunft sein?

Diese Zusammenhänge sind tatsächlich belegt, auch für die COVID-Pandemie: Menschen mit einer seelischen Vorerkrankung mussten häufiger ins Spital und starben doppelt so häufig an der Infektion als psychisch gesunde COVID-Patienten. Es ist generell keine Seltenheit, dass bei Menschen mit psychischen Erkrankungen körperliche Beschwerden vorschnell auf die Psyche zurückgeführt werden und sie dadurch medizinisch schlechter versorgt sind. Die Erkenntnis aus der Pandemie ist glasklar: Es müssen die gleichen hohen medizinischen Standards für alle gelten. In Österreich beispielweise wurden Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu den Risikopatient*innen gezählt und früh geimpft. Diese Präventionsstrategie ist auch der Schweiz dringend zu empfehlen.

 

Können Sie anhand Ihrer Untersuchung schon ein Muster erkennen, was die Suizidalität anbelangt?

Es kommt häufig vor, dass Menschen akute Stresssituationen gut meistern und erst im Nachhinein merken, wie sehr ihre Ressourcen aufgezehrt sind und welche Folgen die Situation konkret für sie hat – sei es ein wiederholtes Studienjahr, eine zerrütte Ehe oder ein Jobverlust. Wir müssen deshalb damit rechnen, dass wir es mit einer sich aufbauenden und auch verzögert einsetzenden, zusätzlichen Welle an Hilfesuchenden zu tun haben werden. Niedrigere Suizidraten während der Pandemie sind keine Entwarnung. Niederschwellige Angebote sind ganz zentral, und wir sollten diese Zeit und das allgemeine Betroffensein von einem riesigen Stressor unbedingt nutzen, um psychische Krankheiten mehr zu entstigmatisieren. Die Folgen einer solchen Pandemie treffen nicht nur bestimmte Subgruppen. Letztlich sind wir alle vulnerabel und müssen alles daran setzen, diese Situation gemeinsam zu bewältigen. Darum wollen wir mit unserer weltweiten Online-Umfrage evaluieren, wie die akuten und langfristigen Probleme zukünftig verringert oder eventuell sogar vermieden werden können.

 

Die COH-FIT Studie erstreckt sich über drei Phasen

230 Wissenschaftler*innen aus mehr als 35 Ländern sind an der COH-FIT-Studie beteiligt, die in 30 verschiedenen Sprachen existiert, so dass auch Migrant*innen erreicht werden. Neben dem körperlichen und psychischen Gesundheitszustand erfasst die Online-Umfrage demographische Daten, Berufsgruppen und verschiedene Umweltfaktoren. Die Befragungen finden in drei Phasen statt: während der aktuellen COVID- Pandemie sowie sechs und 24 Monate, nachdem die WHO das Ende der Pandemie verkündet hat.  Auf diese Weise sollen Risiko- und Resilienzfaktoren identifiziert werden, die für Präventions- und Interventionsprogramme nicht nur während der COVID- Pandemie, sondern auch bei möglichen zukünftigen Pandemien von Bedeutung sind. An der weltweiten Studie beteiligen sich auch Wissenschafter*innen von folgenden Institutionen in der Schweiz: Universitäten Basel, Bern, Fribourg, Lausanne und Zürich und deren psychiatrische Kliniken, Universitätsspital Zürich, Psychiatrische Dienste Graubünden sowie die Fachhochschule Nordwestschweiz.

Hier geht’s zur Online-Umfrage: www.coh-fit.com 

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