


Die gebürtige Bernerin, Anne Lévy, ist seit 1. Oktober 2020 Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Die vormalige CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK Basel) hat ihr neues Amt mitten in der aktuellen Gesundheitskrise übernommen. Im Gespräch mit der psyCHiatrie-Redaktion zeigt sie sich sehr offen für die Belange der Psychiatrie.
Mein Interesse gilt den grossen Public Health-Themen und dem Management. Mich interessiert die Frage, was wir tun können und müssen, um die Gesundheit in der Schweiz in den kommenden Jahren sicherzustellen und weiterzuentwickeln. Dies ist die zentrale Aufgabe des BAG.
Die Pandemie überstrahlt natürlich alle anderen Aufgaben. Das Team, das sich um die Krise kümmert war und ist hervorragend, so dass ich mich rasch einarbeiten konnte. Die Mitarbeitenden sind aber aufgrund der Pandemiemonate natürlich auch sehr belastet. Um die gute Arbeit erhalten zu können, haben wir uns neu aufgestellt. Wir haben Verantwortlichkeiten auf mehr Schultern verteilt, Abläufe besser strukturiert und Stellvertretungen anders organisiert. So konnten wir sicherstellen, dass wir auch in den kommenden Monaten die ausserordentliche Situation bewältigen können.
Vorerst steht die Pandemie natürlich im Zentrum, aktuell sind wir mit der Impfstrategie beschäftigt. Aber die Pandemie ist nicht vorhersehbar, wir müssen stets flexibel bleiben.
Zentral ist die Gesundheitsstrategie 2030, die wir umsetzen werden. Da ist beispielsweise die Digitalisierung ein zentrales Thema. Wichtig ist mir der niederschwellige Zugang zur medizinischen Versorgung für alle sowie die Kosten und die Finanzierbarkeit der Versorgung.
Schon vor meiner Zeit in den UPK, aber nun natürlich auch durch die guten Erfahrungen dort,, ist mir klar, dass es keine Gesundheit gibt ohne psychische Gesundheit. Unter anderem deshalb hat das BAG im Dezember den Aktionstag «Psychische Gesundheit in Zeiten der Coronavirus-Pandemie» angestossen. Psychische Versorgung ist Teil der Grundversorgung. Zentral ist mir persönlich der niederschwellige Zugang mit Walk in- oder Notfallangeboten, die Versorgung in den Rand- und Spezialgebieten sowie die «offene Psychiatrie» mit einer patientenfokussierten Balance zwischen ambulant und stationär.
Die Sicherstellung der Versorgung mit entsprechenden Angeboten, aber auch das Nachwuchsthema, vor allem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Hier sind die Fachgesellschaften in der Verantwortung – sei es für das Studium oder die Weiter- und Fortbildung. Wenn alle klagen, ist es verständlich, dass Medizinstudierende sich fragen, warum sie Psychiaterin oder Psychiater werden sollen. Es liegt also auch an den Exponentinnen und Exponenten der Fachdisziplinen, diese attraktiv zu gestalten. Dabei braucht es neue Wege, denn heute sind neue Praxismodelle gefragt sowie innovative und digitale Behandlungsformen. Den sich bietenden Gestaltungs- und Entwicklungsspielraum kann man hierfür nutzen.
Diese Unterschiede haben wir erkannt, TARMED hat ja bereits entsprechende Verbesserungen vorgenommen und in einem neuen Tarifvertrag werden solche Aspekte sicherlich auch berücksichtigt werden.
Die Vernehmlassung ist abgeschlossen. Seitens des BAG setzen wir auf Austausch und werden mit allen Betroffenen nochmals Gespräche führen. Es ist eben ein typischer Schweizer Prozess, der alle Beteiligten einbezieht. Die Psychiatrie hat ja in der Interprofessionalität eine Vorbildrolle inne: Hier ist es bereits alltäglich, dass alle Beteiligten auf Augenhöhe eng zusammenarbeiten und entscheiden.
Die Psychiatrie ist Teil der Grundversorgung . Seitens des BAG wollen wir auf Dialog und Austausch setzen, um gemeinsam mit den Fachvertretungen gute Lösungen zu erarbeiten, zum Beispiel für künftige Themen wie digitale Angebote oder Qualität. Ich bin daher für einen ständigen Austausch offen, der beispielsweise über bestehende ärztliche Koordinationsgremien erfolgen könnte.
Zum einen müssen die Psychiaterinnen und Psychiater die psychisch Kranken optimal und qualitativ gut versorgen und zum anderen dabei auch für den notwendigen Nachwuchs sorgen. Ich wünsche mir auch, dass sie mit Blick auf eine sichere Versorgung ihr Fachgebiet innovativ weiterentwickeln.
Nach dem Studium der politischen Wissenschaften an der Universität Lausanne arbeitete die neue BAG-Direktorin, Anne Lévy, als Spezialistin für Drogenfragen bei der Stadt Bern und leitete im BAG während fünf Jahren die Sektion Alkohol und Tabak. Ab Sommer 2015 war sie CEO der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Zuvor leitete sie während sechs Jahren den Bereich Gesundheitsschutz im Gesundheitsdepartement von Basel-Stadt. Anne Lévy verfügt über einen Executive MBA in Nonprofit-Organisations-Management der Universität Freiburg.