Schulterschluss für die Kinder- und Jugendmedizin

Ende September 2018 wurde die parlamentarische Gruppe Kinder- und Jugendmedizin in Bern gegründet, in der die ganze Bandbreite der politischen Parteien vertreten ist. Im Expertengremium sind alle Spitzenverbände der Kindermedizin vertreten – so auch die SGKJPP. Ziel der Arbeiten ist es, die medizinische Versorgung für Kinder- und Jugendliche sicherzustellen. Dazu sollen die zentralen Themen Ärztenachwuchs und kostendeckende Finanzierung der Kinder- und Jugendmedizin angegangen werden. SGKJPP-Co-Präsident Alain Di Gallo betont im Interview die Bedeutung dieses Engagements für die Kindermedizin. Professor Di Gallo, die parlamentarische Gruppe «Kindermedizin» hat inzwischen ihre Arbeit aufgenommen.

Warum braucht es eine weitere solche Gruppe?

Mit den heutigen ambulanten und stationären Tarifen ist die Kindermedizin in der Schweiz in manchen Bereichen nicht kostendeckend zu betreiben. Der ehemalige CEO des Universitäts-Kinderspitals beider Basel, Conrad Müller, und Urs Martin, Kantonsrat im Kanton Thurgau, haben deshalb die Initiative zur Gründung einer Parlamentarischen Gruppe ergriffen. Gerade die unabhängigen Kinderspitäler arbeiten heute alle mit Verlust. Sind Kinderspitäler im Verbund mit Erwachsenenspitälern, verschwindet das Defizit darin. Die unabhängigen Kinderkliniken bleiben aber auf ihren Defiziten sitzen. Sie waren deshalb zum Handeln gezwungen. Das gleiche Problem besteht bei den kinder- und jugendpsychiatrischen Institutionen.

Wie ist die Gruppe aufgestellt?

Die Gruppe besteht aus National- und Ständeräten und ist politisch breit abgestützt. Dem Co-Präsidium gehören Ständerat Damian Müller (FDP, LU) sowie die Nationalrätinnen Marina Carobbio Guscetti (SP, TI), Verena Herzog (SVP, TG), Ruth Humbel (CVP, AG) und Tiana Moser (glp, ZH) an. Dazu gibt es eine Expertengruppe, die die Fachverbände der Kinder- und Jugendmedizin bilden.

… so auch der SGKJPP?

Ja. Für diese Initiative ist es wichtig, alle Leistungsträger der Kindermedizin dabei zu haben. An der Gründungsversammlung waren neben der SGKJPP, die SGP und die SGPC, die Haus- und Kinderärzte Schweiz, AllKids, Swiss Medi Kids und der Verband der Schweizer Kinder- und Jugendpsychologen vertreten. Jetzt gilt es, unsere Interessen  zu bündeln und Partikularinteressen zu vermeiden. Nur gemeinsam können wir etwas erreichen.

Was will die Gruppe erreichen?

Im Zentrum stehen die Versorgungssicherheit und der flächendeckende Zugang zu kindermedizinischen Leistungen. Zwei wesentliche Themen sollen dafür aktiv angegangen werden: Zum einen braucht es eine kostendeckende Finanzierung und zum anderen genügend Nachwuchs.

…es geht also ums Geld?

Heute ist es so, dass kindermedizinische Ambulatorien nicht kostendeckend betrieben werden können. Bei den Praxen ist der Deckungsgrad knapp ausgeglichen, aber eben am untersten Limit. Aufgaben wie Vorhalteleistungen für Notfälle oder die Vernetzungsarbeit werden ungenügend  entschädigt. Dazu kommt, dass unsere Arbeit sich nie nur auf das Kind beschränkt. Kindermedizin ist immer auch Familienmedizin.

... und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Dies gilt auch für uns. Mir ist es daher wichtig, dass man bei Kindermedizin nicht nur an die Somatik denkt. Dafür werde ich mich im Expertengremium der Parlamentarischen Gruppe einsetzen. Unsere Fachdisziplin ist als eine Art Grenzgänger mit der Pädiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie eng verbunden. Zu letzterer besteht dank der FMPP ein starkes Band. Die Zusammenarbeit mit der Pädiatrie müssen wir weiter fördern.

Warum ist die Kindermedizin von einer so dramatischen Unterfinanzierung betroffen?

Unsere Tarifsysteme decken manchen Aufwand, den eine gute Kindermedizin mit sich bringt, nicht ab. So kann zum Beispiel eine Blutentnahme bei einem ängstlichen Kind eine Stunde dauern und gleichzeitig müssen noch die Eltern beruhigt werden. Oder ein Kind nässt plötzlich wieder ein und weist mit diesem an sich unspektakulären Symptom auf einen tiefgreifenden systemischen Konflikt hin. Zum anderen gibt es praktisch keine Zusatzversicherten, die ja in der Erwachsenenmedizin einiges querfinanzieren.

Was konnte die Gruppe bisher erreichen?

Zentral ist die erarbeitete Resolution mit den drei strategischen Schwerpunkten, für die je eine Arbeitsgruppe gebildet wurde. Im Januar finden die ersten Treffen dieser Gruppen statt. Hier wollen wir konkrete Projekte und Forderungen ausarbeiten und dann über die Mitglieder der Parlamentarischen Gruppe in die Politik einbringen. Es gilt den Kreislauf zu verstehen: Können wir kostendeckend arbeiten, sind die Berufe attraktiver und wir finden auch mehr Nachwuchs. Dies sichert die Versorgung.

... klingt sehr einfach, warum versteht das die Politik nicht?

Es ist nicht so, dass es nicht verstanden wird, denn gegen eine gute Kinder- und Jugendmedizin, die ja auch einen stark präventiven Ansatz hat, kann eigentlich niemand sein. Diesen Rückenwind müssen wir nutzen. Aber wir dürfen uns auch keine Illusionen machen. Es wird eine Arbeit in kleinen Schritten sein. Der aktuelle politische Wind bläst eben auch, und zwar nicht in eine günstige Richtung. Zudem besteht immer das Risiko, dass wir uns innerhalb der medizinischen Disziplinen um finanzielle Kuchenanteile streiten. Wenn wir hier keinen Schulterschluss finden und zerstritten gegen aussen auftreten, spielen wir unseren politischen Gegnern in die Hände.

Mit der parlamentarischen Gruppe Kinder- und Jugendmedizin sollen alle Akteure der Kindermedizin und Mitglieder des Bundesparlaments gemeinsam politische Lösungsideen für die medizinische Versorgungssicherheit von Kindern und Jugendlichen erarbeiten und diskutieren. Die drei Kernforderungen betreffen den ambulanten und stationären Bereich:

1. Flächendeckende Versorgung sicherstellen

Kinder und ihre Eltern sollen in der ganzen Schweiz und insbesondere in den Randregionen Zugang zu qualitativ hochstehenden Leistungen der Kindermedizin haben.

2. Attraktivität der Kindermedizin fördern

Um die drohende Versorgungslücke in der Kindermedizin abzuwenden, müssen mehr Medizinstudentinnen und -studenten motiviert werden, Kinderärztinnen und Kinderärzte, resp. Kinderpsychiaterinnen und -psychiater zu werden.

3. Kostendeckende Finanzierung sicherstellen

Entschädigungen müssen kostendeckend sein, dabei sind kinderspezifische Aufwände wie die Vielfalt von Diagnosen, der hohe Betreuungsaufwand, der Einbezug der Eltern und höhere Infrastrukturkosten zu berücksichtigen.

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