


Der Bundesrat hat im Oktober den Massnahmenplan für Autismus-Spektrum-Störungen publiziert. Evelyn Herbrecht hat als Vertreterin der Schweizer Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) aktiv daran mitgearbeitet. Ein wichtiger Eckpfeiler ist die Frühintervention. In sechs Kompetenzzentren läuft dazu ein Pilotprojekt. Die IV unterstützt zwar das Projekt massgeblich, doch hier sind auch die Kantone gefragt.
Wichtig ist, dass das Thema von der Politik aufgenommen ist. Der Massnahmenplan zielt auf drei prioritäre Handlungsfelder ab: Früherkennung und Diagnostik, Beratung und Koordination sowie Frühintervention. Mit der anteiligen Finanzierung von sechs Schweizer Frühinterventionszentren wurde inzwischen bereits viel für die intensive Frühintervention getan. Die Arbeiten sind aber noch nicht abgeschlossen und die Arbeitsgruppen laufen weiter.
Zum einen habe ich in der Arbeitsgruppe zur Beantwortung des Postulats «Hêche» mitgearbeitet. Der Bund beauftragte damals zuerst ein Forschungsprojekt, um eine Übersicht über die Situation in der Schweiz zu bekommen. Dieser Forschungsbericht resultierte in acht Empfehlungen. Unter der Leitung des Bundesamts für Sozialversicherungen wurde dann diese Arbeitsgruppe geschaffen, um daraus eine nationale Strategie mit Handlungsfeldern zu entwickeln. Dazu arbeitete ich in der Arbeitsgruppe «Frühintervention» mit. Hier führten alle sechs Schweizer Autismuszentren von 2014 bis 2018 ein erstes Pilotprojekt durch. Dieses wurde nun nochmals für vier Jahre verlängert.
Wir versuchen für die Frühintervention ein Prozessmodell, ein Kostenmodell und ein Outcomemodell zu entwickeln. Es geht uns beispielsweise um die Zugangsvoraussetzungen für neue Autismuszentren. Aktuell liegt bei der Frühintervention ein Schwerpunkt auf der Sicherung der Finanzierung, womit die Kantone in den Fokus rücken. Hier hat es noch Handlungsbedarf und wir benötigen eine Beteiligung der Kantone. Bei der Finanzierung geht es ja bei der Frühintervention nicht nur um medizinisch-therapeutische, sondern auch um pädagogisch-therapeutische Leistungen.
Die IV zahlt für die Frühintervention aktuell CHF 45'000 pro Fall. Zusätzlich bezahlen Eltern Beiträge und die Zentren sind auf zusätzliche Gelder, z.B. über Stiftungen, angewiesen. Dazu bezahlen Kantone mit Autismuszentren gewisse Beiträge für Kinder, die in diesem Kanton wohnhaft sind. Kantone ohne Zentren beteiligen sich in der Regel nicht an der ausserkantonalen Frühintervention von Kindern aus ihrem Kanton. Hier gibt es also noch viel zu tun. Unser Ziel ist es, die intensive Frühintervention als Angebot zu konsolidieren.
Ich erlebe das Bundesamt für Sozialversicherung als sehr unterstützend. Seitens der Arbeitsgruppe sind wir alle inhaltlich motiviert. Bei den Finanzierungsfragen gibt es allerdings immer wieder auch bürokratische Prozesse, die Zeit brauchen. Hier braucht es meiner Meinung nach mehr übergreifenden Dialog mit den Vertretern der drei kantonalen Konferenzen.
Zentral ist es, dass die Wirksamkeit intensiver Frühinterventionen mittlerweile in der Schweiz anerkannt ist und wir diese für Kinder mit einem frühkindlichen Autismus ab zwei Jahren anbieten können. Wir haben die Pauschalfinanzierung und im Bereich der Frühintervention wurde das Pilotprogramm nochmals um vier Jahre verlängert. Was uns mehr Zeit für die Konsolidierung verschafft. Letztendlich braucht es aber den Dialog mit Politikern und den kantonal zuständigen Stellen, um gemeinsame Konzepte der Finanzierung zu entwickeln. Intensive Frühintervention ist innovativ, und es gibt in anderen Ländern bereits bewährte Konzepte zur Finanzierung. In der Schweiz benötigen wir ebenfalls innovative Konzepte, um dieses wichtige Angebot in Zukunft verlässlich und hoffentlich irgendwann auch flächendeckend anbieten zu können.
Dr. med. Evelyn Herbrecht ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Seit 2010 arbeitet sie zunächst als Oberärztin, seit 2015 als Leitende Ärztin und stellvertretende Direktorin der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) in Basel. Sie leitet dort ärztlich die Poliklinik, die Fachstelle Autismus sowie das FIAS-Therapiezentrum. Vorher war sie sowohl klinisch wie auch in der Forschung an den Universitätskliniken in Frankfurt und Paris tätig.
Sechs ausgewählte Frühinterventionszentren bieten im Rahmen eines Pilotprojektes für Kleinkinder mit frühkindlichem Autismus Programme für eine intensive Frühintervention an: