Pandemiebewältigung im Krisenstab – eine Bilanz der FMPP-Taskforce

Die Coronaviruspandemie forderte auch die medizinischen Fachgesellschaften. So galt es, den Mitgliedern klare Empfehlungen zu geben, sich aber auch gegenüber den Behörden und den Versicherern für gerechte finanzielle Rahmenbedingungen einzusetzen.

Die Coronavirus-Pandemie hat viele überrascht. Wann war es Ihnen klar, dass es ein Problem gibt?

Pierre Vallon: Anfang März wurde ich in die Diskussion involviert, ob der EPA-Kongress in Madrid abgesagt werden soll. Als der Bundesrat dann Mitte März den Lockdown verordnete, war klar, dass es sich um etwas Grosses handelt. 

Alain Di Gallo: Wir alle hörten in den Januar- und Februarwochen von den Erkrankungen mit dem neuen Coronavirus in China, aber richtig ernst genommen habe ich diese Bedrohung erst, als die Basler Fasnacht abgesagt wurde.

Fulvia Rota: Durch meine familiären Verbindungen nach Bergamo hörte ich schon sehr früh von einer schweren Grippe dort. Mit dem Auftreten der ersten Fälle in Norditalien, war es mir klar, dass es auch uns treffen wird.

Was haben Sie auf Verbandsebene eingeleitet?

Alain Di Gallo: In der FMPP bildeten wir rasch eine Taskforce, die aus wenigen Personen bestand, um agil und schnell handeln zu können. Wir verfolgten das Ziel, Informationen und Empfehlungen für den Berufsalltag unseren Mitgliedern  zeitnah zur Verfügung zu stellen. Insgesamt haben wir seit Beginn des Lockdowns 17 High Priority-Newsletter verschickt sowie eine Webpage mit gesammelten Informationen zu angepassten Behandlungsempfehlungen publiziert. Auf dieser Webpage sind zudem alle Newsletter verlinkt, wie auch die Korrespondenz mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Welche Themen standen im Zentrum?

Pierre Vallon: Im Vordergrund standen die Schutzkonzepte mit den Verhaltens- und Hygieneregeln des BAG. Hier haben wir konkrete Empfehlungen kommuniziert. Auch die FMH hat dafür ein Schutzkonzept zum Betrieb von Arztpraxen publiziert. Ferner ging es um die Weiterführung unserer Arbeit unter entsprechenden Rahmenbedingungen, den Effekt auf unsere Weiterbildungspflicht und um geeignete Massnahmen für unsere wirtschaftliche Sicherheit.

Was haben Sie also empfohlen?

Fulvia Rota: Unsere oberste Maxime war, dass unsere Praxen offenbleiben, um Behandlungen vor Ort oder via Telemedizin anzubieten. Wir haben nach Tools mit einer sicheren Verschlüsselung gesucht; nach verschiedenen Abklärungen haben wir entschieden, unseren Mitgliedern das Tool «Hin Talk Video» der Health Info Net AG zu empfehlen. 

Welche Herausforderungen bestanden?

Fulvia Rota: Ein Problem für die psychiatrischen Praxen war sicher die Verfügbarkeit von Schutz- und Desinfektionsmaterial. Zu Beginn der Pandemie war es in sehr vielen Kantonen für PsychiaterInnen sehr schwierig, wenn gar unmöglich, Desinfektionsmittel oder Schutzmasken von den Kantonsapotheken zu beziehen. Hier braucht es sicher behördliche Anpassungen für die Zukunft.

Alain Di Gallo: Ein grosses Thema für uns Psychiaterinnen und Psychiater war die Abrechnung der fernmündlichen Konsultationen, weswegen wir mehrmals beim BAG brieflich intervenierten.

Fulvia Rota: Das BAG hat sich für die Klärung der Abrechnungsmodalitäten viel Zeit gelassen. Vom Lockdown und der Gültigkeit der Covid-19-Verordnung 2 bis zur Klärung durch das BAG verstrichen ca. drei Wochen.

Wie wurde es schliesslich vergütet? Was gilt heute?

Fulvia Rota: Das BAG hat beschlossen, dass fernmündliche Leistungen mit der Telefonposition 02.0060 abgerechnet werden müssen und dazu die Limitation auf maximal 75 Minuten pro Sitzung erhöht. Mit Inkrafttreten der Covid-19-Verordnung 3 des Bundesrates über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus vom 22. Juni hat das BAG die Kostenübernahme für die erweiterten Limitationen bei den fernmündlichen ambulanten Leistungen wieder aufgehoben. Fernmündliche Behandlungen können seither nur noch telefonisch durchgeführt werden und sind wieder zeitlich limitiert. Wir sind aber überzeugt, dass solange die Pandemie nicht überwunden ist, fernmündliche Behandlungen eine valable Alternative zu den Präsenzkonsultationen darstellen.

Pierre Vallon: Wir fordern daher vom BAG, dass diese weiterhin gemäss TARMED abrechenbar sind und bezüglich Limitationen wie Präsenzkonsultationen (75 min.) behandelt werden; deswegen haben wir bereits eine Protestnote eingereicht.

Neben Fragen der Behandlungsfinanzierung waren auch arbeitsrechtliche Themen gefragt ...

Pierre Vallon: Das hat viele selbstständige Psychiaterinnen und Psychiater sehr beschäftigt. Dazu haben wir einen separaten Newsletter verfasst, der die Themen Kurzarbeit, Unterstützung für Selbstständige und Kündigungen aufgenommen hat.

... aber es gab auch Auswirkungen im Bereich der Aus-, Weiter- und Fortbildung?

Pierre Vallon: Das SIWF hat sehr schnell beschlossen, die für das Jahr 2020 geforderten 50 Fortbildungscredits auf 25 zu halbieren, was uns entlastete. Wir haben uns entschieden, den SGPP-Jubiläumskongress zu verschieben, die SGKJPP hat auf einen virtuellen Kongress umgestellt.

Wirkte sich die Pandemie auf die Verbandsarbeit aus?

Pierre Vallon: Unsere Gremiensitzungen finden seither mehrheitlich per Zoom statt. Wir sagten die Juni-DV ab, verschoben viele andere Veranstaltungen, führten die SGPP-Präsidiumswahl brieflich durch und pausierten einzelne Projekte oder Traktanden.

Alain Di Gallo: Neben den Klärungen rund um die Finanzierung starteten wir eine Patientenumfrage zu deren Erleben der fernmündlichen Behandlung. Erste Erfahrungen liegen nun vor, die wir in die Diskussionen mit dem BAG einfliessen lassen wollen. 

Wie geht es nun weiter?

Alain Di Gallo: Die FMPP-Taskforce hat ihr Mandat an den Vorstand der FMPP zurückgegeben. Dieser übernimmt als Führungsgremium nun wieder den Lead und beobachtet die Situation. Je nach Bedarf kann die Taskforce wieder aktiviert werden.

Welches sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Fulvia Rota: Zum einen, dass eine kleine agile Taskforce, in der eng und gut zusammengearbeitet wird, in kurzer Zeit Erstaunliches leisten kann. Zum andern hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig der direkte Austausch, die Interaktion mit unseren Mitgliedern ist. Dank ihrer Fragen konnten wir die für sie relevanten Themen aufnehmen und in die Pandemiekommunikation einfliessen lassen. Und zu guter Letzt: Auch wenn die meisten von uns, neue und positive Erfahrungen mit der Videokommunikation gemacht haben, so ist und bleibt für uns die Präsenzkonsultation an erster Stelle.

Dank an unsere Mitglieder!

Wir bedanken uns herzlich bei den FMPP-Mitgliedern, für ihre Fragen, Inputs und Anregungen.

Mitglieder der Task Force Covid-19

Pierre Vallon (Präsident FMPP), Alain Di Gallo (Vertreter SGKJPP), Fulvia Rota (Vertreterin SGPP), Philipp Straub (Rechtsberater FMPP) sowie Christoph Gitz (Geschäftsführer FMPP).

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