


Luc Ciompi feierte am 10. Oktober 2019 seinen neunzigsten Geburtstag. Er hat die Affektlogik begründet und hat das Vulnerabilitäts-Stress-Modell mitentwickelt. Sein Schaffen ist bis heute von einem integrativ psycho-sozio-biologischen Verständnis von psychischen Störungen geprägt – mit einem besonderen Augenmerk auf das Rätsel der Schizophrenie.
Luc Ciompi wurde Ende der Zwanziger als Sohn eines italienischen Arztes und einer Schweizer Händlerstochter in Florenz geboren. Im Fokus seiner Wissbegier stand stets das Zusammenwirken von Kognition und Emotion sowie deren Bedeutung für die moderne Schizophreniebehandlung. Luc Ciompis Berufskarriere war massgeblich geprägt von seiner Mutter, die selber an Schizophrenie erkrankte. Er sagt darüber einst: «Die Schizophrenie hat mich mein ganzes Leben beschäftigt. Es ist eines der grossen ungelösten Rätsel der Medizin. Und auch jetzt noch, im hohen Alter, stelle ich mir Fragen darüber.»
Schizophrene leiden unter Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Manchmal hören sie Stimmen. Manchmal werden sie passiv und träge, haben eigenartige Verhaltensweisen und gehen anderen aus dem Weg. Luc Ciompis Mutter Klara litt fast ihr ganzes Leben unter psychischen Störungen. «Meine Mutter war eine schöne, feinfühlige und schwermütige Frau mit dunklen Augen», erinnert sich Luc Ciompi. Sie galt immer auch als unvorhersehbar bis ausgefallen. Sie verbrachte ihre Jugendjahre in exklusiven Schulen. So wurde sie zu Geschäftsfreunden nach Florenz geschickt, um Italienisch zu lernen. Dort traf sie Luc Ciompis Vater und heiratete ihn rasch, bekam einen Sohn und eine Tochter. «Für meine verletzliche und nicht auf die Ehe vorbereitete Mutter war dies eine traumatische Zeit», erzählt Luc Ciompi. «Die Ehe mit dem jüngeren Medizinstudenten war schwierig, es fehlte an Geld, die zwei kurz aufeinander folgenden Schwangerschaften und der fremdgehende Ehemann». Ciompi und seine Schwester fürchteten die Mutter mehr, als dass sie sie liebten. «Die unheimliche und unberechenbare Stimmung durchzog alles, was irgendwie mit ihr zu tun hatte», sagt er. Nachdem die Ehe scheiterte, zogen die Kinder mit der Mutter zurück in die Schweiz. Sie lebten in einer kleinen Dachwohnung in der grosselterlichen Villa. Die Mutter lag entweder bei verdunkelten Fenstern im Bett oder war in der Waldau hospitalisiert. Die Geschwister waren früh auf sich selbst gestellt. «Wir schämten uns zutiefst und verrieten deshalb keinem Menschen, wie es bei uns zu Hause war», erinnert sich Ciompi.
Luc Ciompis Vater blieb in Italien, wo er eine Hausarztpraxis führte. Die Krankheit seiner Mutter war trotz unbeschwerten Phasen des Erwachsenwerdens für Luc Ciompi lebensbestimmend. So erklärt er noch heute seine Neugier für alles rund um die Psyche, was ihn schliesslich bewog, von der Literaturwissenschaft in die Medizin zu wechseln. «Schon in meiner ersten Psychoanalyse kamen wir schnell auf meine Mutter zu sprechen», sagt er. Während des Medizinstudiums war Ciompi begeistert von der Vorlesung von Professor Max Müller – dem Direktor der Bernischen psychiatrischen Universitätsklinik Waldau. Obwohl Ciompi zeitweise mit Allgemeinmedizin liebäugelte, spezialisierte er sich nach kurzer Tätigkeit als Schiffsarzt auf einem Frachter als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Im Jahr 1956 trat er seine erste Assistenzarztstelle in der Waldau an, die er von den Besuchen seiner Mutter kannte. «Ich betreute Patienten mit allen geläufigen psychiatrischen Krankheitsbildern, aber auch mit schizophrener Psychose», erzählt Luc Ciompi. Die halluzinierenden, erregten und manchmal auch starren Patienten nahm er mehr als «verrückt» wahr als seine Mutter, die mehr in einer autistischen Eigenwelt lebte. 1963 wechselte Luc Ciompi in die Psychiatrische Universitätsklinik Lausanne. Dessen Direktor Christian Müller setzte auf psychoanalytisch orientierte Psychosentherapien, die er mitentwickelt hat. «Zehn Jahre leitete ich dort ein Forschungsprogramm über den Langzeitverlauf von schweren psychischen Störungen», erzählt er. Anfangs der 1970er Jahre übernahm er zudem die Direktion der damals erst in den Kinderschuhen steckenden Lausanner sozialpsychiatrischen Dienste: «Wir etablierten erste Tageskliniken und geschützte Wohnungen». Luc Ciompi begann erste Lehrbücher zu verfassen. Im Jahr 1977 wurde Ciompi als Ordentlicher Professor an die medizinische Fakultät der Universität und als ärztlicher Direktor der neu geschaffenen Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik nach Bern berufen.
Rückblickend sagt er: «Die Ergebnisse der Lausanner Langzeitstudie waren für mein Schizophrenieverständnis entscheidend, denn diese Arbeit zeigte, dass viele schizophrene Psychosen auch nach langem schwerem Verlauf ausheilen können». Nur etwa die Hälfte der Betroffenen entsprachen also dem Bild der «chronisch Schizophrenen», die damals die Psychiatriekliniken füllten. Ciompi betont: «Das falsche und für Ärzte, Angehörige und Betroffene gleichermassen verheerende, weil zu passiver Resignation führende Diktum „einmal schizophren, immer schizophren“ wurde so widerlegt.» In der Folge dieser fachlichen Auseinandersetzung beschäftigte sich Ciompi zentral mit den Wechselwirkungen zwischen Fühlen und Denken, was ab 1982 zur Entwicklung seiner Theorie der Affektlogik führte. 1984 gründete er in Bern die therapeutische Wohngemeinschaft Soteria, mit der er eine Behandlungs- und Lebensumgebung schuf mit dem Ziel, den emotionalen Spannungspegel der Betroffenen nachhaltig zu senken. Ciompi zufolge galt die Schizophrenie seit jeher vor allem als Störung des Denkens, die Emotionen schienen unbedeutend, insbesondere weil diese bei Psychotikern oft merkwürdig verschlüsselt und verflacht sind. Seine fachliche und wissenschaftliche Erfahrung und Expertise fügte sich immer klarer zu einem emotionszentrierten Psychosenverständnis zusammen, dem er bis heute treu geblieben ist: «Meine Passion gilt der emotionalen Grundlage des Denkens.»
Luc Ciompi wurde 1994 pensioniert und ist seither freier wissenschaftlicher Buchautor und Publizist. Er hält Vorträge und Seminare und ist als psychotherapeutischer Berater und Supervisor tätig. Nach den wichtigsten Entwicklungsthemen der Psychiatrie der letzten Jahrzehnte gefragt, nennt Luc Ciompi drei: «Die Einführung der Pharmakotherapien, die sozialpsychiatrische Revolution der Siebziger- und Achtzigerjahre und die modernen Entwicklungen im Bereich der Neurobiolgie». Das gesamte fachliche Werk von Luc Ciompi ist geprägt von einem integrativ psycho-sozio-biologischen Verständnis von psychischen Störungen – mit besonderem Augenmerk auf die Schizophrenie. Rückblickend sei er stolz auf die inzwischen etablierte Methodenvielfalt in der Psychiatrie, warnt zeitgleich aber vor der heutigen Bürokratie und dem primär ökonomisch ausgerichteten Management. Seine wissenschaftliche Neugier motivierte den Vorkämpfer der integrativen Psychiatrie vor vier Jahren dazu, einen Preis für wertvolle wissenschaftliche Arbeiten zum Zusammenwirken von Emotion und Kognition und deren Bedeutung für die moderne Schizophreniebehandlung zu stiften. «Der 2019 zum dritten Mal verliehene Preis zeichnet Arbeiten aus, welche dazu beitragen, das Psychoseverständnis der Affektlogik entweder zu verifizieren oder zu falsifizieren», sagt Stifter Luc Ciompi. Im Fokus steht auch die Nachwuchsförderung. Junge Psychiaterinnen und Psychiater brauchen seiner Meinung nach eine grosse Faszination für den Menschen – getreu dem bio-psycho-sozialen Modell. Er empfiehlt ihnen aber auch eine gute Balance zwischen ihrem und dem professionellen Leben: «Meine Familie ist hier manchmal zu kurz gekommen».
Die Affektlogik ist eine integrative Metatheorie zum Zusammenspiel von Fühlen, Denken und Handeln. Gleichzeitig erlebte Emotionen, Kognitionen und Verhaltensweisen verbinden sich im Gedächtnis zu situationsabhängigen Fühl-Denk-Verhaltensprogrammen, die das künftige Verhalten in ähnlichen Situationen beeinflussen. Offene oder versteckte Affekte bestimmen weitgehend unser ganzes Denken und Verhalten. Kritisch steigende emotionale Spannungen sind imstande, das Fühlen, Denken und Handeln von besonders verletzlichen Menschen plötzlich tranceartig zu «verrücken». www.ciompi.com