Pandemiebedingte Zunahme des Medienkonsums

Die meisten bisherigen Untersuchungen zu den psychischen Auswirkungen der COVID-Pandemie auf Kinder und Jugendliche waren weder repräsentativ, noch haben sie die Elternperspektive einbezogen. Anders die noch unveröffentlichte Studie der KJPP Zürich und der Haute École de la Santé La Source Lausanne, die bereits die Politik auf den Plan ruft. Denn die Ergebnisse zeigen: Schon im ersten Lockdown nahm der psychische Stress stark zu. 

Susanne Walitza und Meichun Mohler-Kuo*

Unter Leitung von Prof. Meichun Mohler-Kuo und Prof. Susanne Walitza hat die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich  (KJPP Zürich)  zusammen mit der Haute École de la Santé La Source Lausanne der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO) eine erste schweizweite repräsentative Studie zur Auswirkung der Covid-Pandemie auf Kinder und Jugendliche, ihre Eltern sowie auf junge Erwachsene durchgeführt.

Die häufigsten Quellen für wahrgenommenen Stress waren gemäss der Studie die Unterbrechung des sozialen Lebens und von wichtigen Aktivitäten, die Unsicherheit darüber, wie lange die Situation andauern würde, und die Pandemie selbst. Darüber hinaus erfüllte etwa ein Fünftel der jungen Erwachsenen die Kriterien mindestens eines der Symptome psychischer Störungen (Depression, Angst oder ADHS), während ein Drittel der Kinder und Jugendlichen Symptome von Depression, Angst, Depression und erhöhter Reizbarkeit nannten. Die detaillierten Ergebnisse der Studie werden derzeit vom «Journal of Environmental Research and Public Health» begutachtet  und demnächst veröffentlicht. 

Was bedeuten die Ergebnisse genau?

Die Studie zeigt, dass bereits im ersten Lockdown sehr häufig vermehrt psychischer Stress erlebt wurde. Besonders betroffen sind nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Eltern, hier vor allem Mütter, die jetzt noch mehr unter den vielfältigen Belastungen leiden. Auch auf den Medienkonsum, der in diesen Pandemiezeiten soziale Kontakte ersetzt und daher nicht per se verurteilt werden darf, muss ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Die SGKJPP hat bereits im Oktober 2020 ein Statement an die Task Force des Bundes geschickt und wird in einer Aktualisierung die hier beschriebenen Befunde aufnehmen und Empfehlungen ableiten.

Die Ergebnisse sind noch taufrisch und wurden erst vor kurzem zur Publikation eingereicht. Einzelne Politikerinnen und Politiker machen sich aber bereits jetzt stark für die Betroffenen und nehmen dafür auch die Kantone und den Bund in die Pflicht. So hat z.B. die grüne Nationalrätin Florence Brenzikofer sowohl eine Interpellation als auch eine Motion eingereicht und dabei auf unsere Expertise und die vorliegende Studie zurückgegriffen. Mit ihren politischen Vorstössen zielt sie unter anderem darauf, rasche und niederschwellige Angebote an Schulen zur Früherkennung und Bewältigung von psychischen und medizinisch-psychiatrischen Problemen zu stärken.

Auch die Vertreter der Task Force und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erwarten die Ergebnisse dieser Studie, da die meisten bisherigen Untersuchungen weder auf repräsentative Daten zugreifen, noch die Kinder- und Elternperspektive gleichermassen berücksichtigen konnten.

Die Studie der KJPP Zürich und der  «Haute École de la Santé La Source Lausanne» wurde unterstützt durch die Uniscientia Stiftung und Erika Schwarz Stiftung, welche die Befragung in dieser Form überhaupt erst ermöglicht haben. „Nach der Befragung“ ist aber „vor der Befragung“. Aktuell suchen wir nach einer neuen Förderung, damit wir diese Gruppen nochmals untersuchen können. Denn es steht ausser Zweifel, dass sich nach dem ersten Lockdown die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit speziell von Kindern und Jugendlichen weiter verschlimmert haben.

 

* Prof. Meichun Mohler-Kuo ist Forschungsleiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (KJPP Zürich) und Professeure HES ordinaire der La Haute École de la Santé La Source Lausanne der Fachhochschule Westschweiz (HES-SO)

Prof. Dr. med. Susanne Walitza ist Direktorin der Klinik  für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (KJPP Zürich) sowie Vorstandsmitglied von FMPP und SGKJPP.  

Zur Methode

Für die Untersuchung wurden zusammen mit dem RKI Institut Berlin und der Kinder- und Jugendpsychiatrie Würzburg drei Fragebögen auf Deutsch, Französisch und Italienisch für Eltern, Kinder und junge Erwachsene entwickelt, unter anderem zu Belastungen, psychischen Symptomen und zu Bewältigungsstrategien. Die erste Zielgruppe, junge Erwachsene aus der ganzen Schweiz, hatten bereits bei der „Swiss Youth Epidemiological Study on Mental Health“ teilgenommen, zudem waren zu dieser Zielgruppe bereits aus mehreren früheren Untersuchungen Daten zur psychischen Gesundheit vorhanden. Diese Personen waren zum Zeitpunkt der aktuellen Befragung 2020 zwischen 20 und 24 Jahre alt.

Die zweite Gruppe waren Kinder im Alter zwischen 12 und 17 Jahren in der ganzen Schweiz, die online befragt werden konnten. Sie wurden mittels ihrer Eltern (Gruppe 3) für das Interview rekrutiert. Um Jugendliche im Alter von 12-17 Jahren befragen zu können, wurde das explizite Einverständnis (informed consent) eines Elternteils vorausgesetzt. Deshalb wurden die Jugendlichen nicht direkt, sondern über ihre Eltern rekrutiert und befragt. Für die Selektion der Eltern konnte auf bereits vorhandene Informationen im LINK Internet-Panel (Kinder im Haushalt) zurückgegriffen werden. Die Erhebung wurde mittels CAWI-Befragung (CAWI = Computer Assisted Online Interviewing) durchgeführt. Das LINK Institut war in diesem Kontext verantwortlich für die Umsetzung des Online-Fragebogens und die Durchführung der Feldarbeit. Insgesamt haben 1627 junge Erwachsene sowie 1146 Eltern und Kinder an der Umfrage teilgenommen. 

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