Analytiker mit Blick für die Familie

Ulrich Zulauf war einer der ersten deutschen Kinder- und Jugendpsychiater in der Deutschschweiz. In seine Laufbahn fällt die Zeitenwende, in der neue Behandlungsmethoden wie das «Hometreatment» die geschlossenen Anstalten ablösten. Im Fokus seines Schaffes standen die Psychoanalyse, die Einzelpsychotherapie und das System «Familie». Zulauf stellte so die psychische Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Thurgau neu auf. Seit seiner Pensionierung ist Zulauf ein gefragter Supervisor. 

«Wien war enttäuschend», resümiert Dr. med. Ulrich Zulauf seine österreichischen Studienjahre, die er wegen Freuds Schaffen dort verbringen wollte. «Die Stadt war 1966 noch sehr starr und finster und erinnerte mehr an eine Ostblockvorregion.» So kehrte er zurück nach Deutschland, wo er in Mainz sein Medizinstudium begonnen hatte. Ende der Sechziger Jahre schloss er es an der Universität Münster ab. «Schon im Studium wusste ich, dass ich Kinder- und Jugendpsychiater werden wollte», sagt er. Dies war ein neuer Facharzttitel, der während seines Studiums in Deutschland geschaffen wurde. Zulauf startete seine Assistenzarztzeit in der Kinderpsychiatrie Aprath in Wuppertal und absolvierte seine Facharztprüfung im Jahr 1978. Dem Kinder- und Jugendpsychiater zufolge, habe er seine psychotherapeutische und psychoanalytische Ausbildung quasi im Selbststudium und im Austausch mit verschiedenen Experten des Fachs aus Deutschland und Holland gemacht.

Vom »Wegsperren»...

Einer seiner Schwerpunkte ist bis heute die Psychoanalyse bei Kindern und Jugendlichen. Deren Stellenwert streicht Zulauf im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen Konzepten auch heute noch heraus. «In der Kinderpsychiatrischen Klinik Apprath waren die Kinder damals noch über 1-2 Jahre hospitalisiert, wir sahen die Kinder also intensiv bis zu drei- bis viermal die Woche», erzählt er. Es waren vor allem verwahrloste und bindungsgestörte Kinder mit verschiedenen Psychopathologien und auch Krankheiten aus dem autistischen Spektrum. «Damals war die Kinder- und Jugendpsychiatrie stark an die psychiatrischen Landeskliniken angebunden», betont Zulauf. Erst Mitte der Siebzigerjahre wurden die ersten Tageskliniken entwickelt, weil man erkannte, dass die familiäre Beziehung für die Behandlung eine grosse Relevanz hatte: «Ein Kind ist immer Teil einer Familie.» Damals sei die Familientherapie entstanden mit Konzepten wie das kontrollierte Vorgehen, bei dem jeweils ein Therapeut hinter einem Spiegel die Behandlung beobachtete. «Wir konnten mit spannenden Methoden arbeiten und viel erreichen», sagt er. «Heute werden diese schon aus ökonomischen Aspekten nicht mehr eingesetzt.»

...hin zur Behandlung zuhause

Ulrich Zulauf wechselte 1980 nach Zürich, um dort als Oberarzt in einer der ersten Schweizer Tageskliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu arbeiten. «Mein Plan war es, für ein Jahr in die Schweiz zu kommen», sagt er. Als er sich nach drei Jahren in Zürich richtig wohl fühlte, musste Zulauf wieder gehen. Er ging zurück nach Aprath, von wo aus er in Kooperation mit der Kinderklinik Düsseldorf eine neue Tagesklinik aufbaute. Ihm zufolge war dies eine sehr lehrreiche und spannende Zeit. Nicht nur entwickelte er neue Konzepte, er führte auch Verhandlungen mit den Krankenkassen, damit diese die Kosten der neuen Behandlungen künftig übernahmen. 1985 holten ihn die Zürcher zurück, um unter Professor Herzka die Poliklinik neu aufzubauen und diese den veränderten Bedürfnissen in der Kinderpsychiatrie anzupassen. Deren Fokus verlagerte sich immer mehr in Richtung ambulante Therapien, Tagesklinikbehandlung oder im Ansatz eines «Hometreatment» – ein Angebot für akut psychisch Erkrankte, die für eine bestimmte Zeit im eigenen häuslichen Umfeld durch ein multiprofessionelles Behandlungsteam besucht und behandelt werden. In der Ära Herzka lernte Zulauf auch seinen heutigen Nachfolger, Dr. med. Bruno Rhiner, kennen, der damals ein Praktikum absolvierte.

Zunehmende Verselbstständigung des Fachs

Lange Zeit hing die Jugendpsychiatrie am «langen Arm» der Erwachsenenpsychiatrie. Doch mit neuen Erkenntnissen über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, gesicherten Diagnosen und der Relevanz der Familienbeziehungen verselbstständigte sich das Fach mehr und mehr. Im Jahr 1987 folgte Zulauf dem Ruf in den Thurgau. Dort sollte die Kinder- und Jugendpsychiatrie neu aufgebaut werden. «Zwar hatte ich zu Beginn nur drei Mitarbeitende, ich wurde aber Chefarzt und direkt dem Regierungsrat unterstellt», erzählt Zulauf. «Dank dieser guten Beziehung konnten wir viel Entwicklungsarbeit leisten.» Bruno Rhiner sagt, dass er seinen Vorgänger « um diese direkten Wege beneide». Heute gebe es einfach einiges mehr an bürokratischen Hürden, bevor sich ein Projekt realisieren lasse. Zulauf habe schon damals die konsequente Ausrichtung weg von der vollstationären Klinik hin zu tagesklinischen und aufsuchenden Angeboten in den Thurgau gebracht. Daraus entwickelte sich der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst Thurgau, zu dem heute mehrere Ambulatorien, Tageskliniken und ein grosser aufsuchender Bereich gehören. Ein Wagnis mit Erfolg war es, nach dem Aufbau einer kleinen Tagesklinik im Jahr 1991, die existierende stationäre Behandlung sechs Jahre später gegen eine grössere Tagesklinik umzuwandeln. Dies ermöglichte mit der Kinderklinik in Notfällen und im Hometreatment intensiver zusammen zu arbeiten. Unter Zulaufs Mitarbeit wurde eine vollstationäre Abteilung für Jugendliche in der Privatklinik Littenheid aufgebaut. Die Liaisonkinder- und Jugendpsychiatrie wurde auch in den Sonderschulheimen immer wichtiger, um dort fachliches Wissen und Verständnis zu platzieren und Einweisungen in Kinder-und Jugendpsychiatrische Einrichtungen möglichst zu verhindern.

Wirkung der Behandlung wissenschaftlich belegen

Neben der Psychoanalyse ist Zulauf ein Befürworter der «Multisystemischen Therapie» (MST), ein lizensiertes und manualisiertes Behandlungskonzept aus den USA. Ähnlich wie das Hometreatement findet die Therapie aufsuchend statt – also bei der Familie zuhause. Das Konzept verbindet verhaltens-therapeutische und systemische Ansätze und wird von einer weltweit aktiven Forschergruppe um Scott Henggler aus South Carolina wissenschaftlich ausgewertet. Ulrich Zulauf erinnert sich noch heute an die Sitzung mit drei Thurgauer Regierungsräten, denen er das Konzept vor Jahren vorstellte. Am Schluss der Sitzung waren diese überzeugt und bewilligten die Mittel für das Projekt, das mittlerweile von Zulaufs Nachfolger Dr. Bruno Rhiner erfolgreich weitergeführt wird. Für Ulrich Zulauf hatte die Forschung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie eine grosse Bedeutung: «Es braucht mehr und gute wissenschaftliche Daten, um unsere Behandlungsmethoden weiterzuentwickeln und vor allem auch Langzeitstudien, um zu wissen, was aus unseren Kinder- und Jugendpsychiatrischen Behandlungen für die Betroffenen und deren Weiterentwicklung geworden ist.»

Das System nie aus den Augen verlieren

Wenn Bruno Rhiner zurückblickt, anerkennt er, dass Zulauf vieles in Gang gesetzt habe: «Es ist eine Freude auf dem Erbe von Uli Zulauf aufzubauen. Er hat viele kreative Impulse gesetzt und eine wunderbare Ausgangssituation geschaffen, die wir konsequent weiterentwickeln konnten!» Zulauf hat sich mit 63 Jahren frühpensionieren lassen. Viel mehr Freizeit hat er aber nicht gewonnen, denn er macht seither Supervisionen in vielen Kliniken und Institutionen. Rückblickend auf seine Karriere betont er, dass er seine Nische gefunden hatte und jeweils zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. «Ich hatte viele Ideen, die ich umsetzen und so immer meinen eigenen Weg gehen konnte», sagt er. Im Unterschied zu anderen Fächern präge in der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Abhängigkeit der Kinder von Herkunft, Aktualität und Zukunft jede Form der Behandlung. «Wir müssen das Umfeld kennen und arbeiten immer mit einem ganzen System», sagt Ulrich Zulauf.

Medizinische und keine ökonomische Behandlungsentscheide

Bruno Rhiner zufolge sind die früheren dogmatischen Kämpfe zwischen den grossen Psychotherapieschulen den breiter ausgerichteten integrierten Behandlungskonzepten gewichen. Kritisch sieht Ulrich Zulauf hier aber das zurückgehende Wissen im Bereich der Psychoanalyse, von der seiner Meinung nach aber viele profitieren könnten. Er betont: «Es geht nicht nur darum, Störungen zu deklarieren, sondern auch die Hintergründe dafür herauszufinden. Hier stossen rein störungsspezifische und verhaltensmodifizierende Methoden an ihre Grenzen.» Die Facharztausbildung müsse deshalb so breit als möglich bleiben. Leise Kritik übt Zulauf auch am heutigen ökonomischen Diktat in der Medizin: «Zwar konnten wir auch eine notwendige Verantwortlichkeit erhöhen, aber in meinen Supervisionen höre ich auch immer wieder, dass der Bogen überspannt sei.» Dies gelte beispielsweise auch für Diagnoseverfahren: Testverfahren seien zwar günstiger aber vieles lasse sich nur, durch persönliche Begegnung und berufliches Einfühlen erkennen. Das gleiche gilt auch für die Psychotherapie. «Vielleicht verliert der Beruf des Psychiaters auch wegen dieser Hinwendung zum Schematischen an Attraktivität?», fragt er sich.

Der 73-jährige Dr. med. Ulrich Zulauf hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Ostschweiz aufgebaut und in der gesamten Schweiz massgeblich mitgestaltet. Er studierte Medizin an den Universitäten Mainz, Münster und Wien und absolvierte im Jahr 1978 seinen Facharzttitel in Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nach Stationen in Düsseldorf, Neuss, Aprath und Zürich wurde er 1987 zum Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Thurgau gewählt, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2008 leitete. Seither arbeitet er in der Schweiz als gefragter Supervisor.

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