


Die Urabstimmung bezeichnet eine schriftliche Abstimmung, zu der alle Mitglieder einer Organisation aufgerufen sind. Es gilt, über eine bestimmte Fragestellung abzustimmen, die in der Regel von besonderer Bedeutung ist, weshalb das Ergebnis auf eine breite Grundlage gestellt werden muss. Wir haben in unserer jüngeren SGPP-Geschichte in den letzten Monaten zum zweiten Mal eine solche Urabstimmung durchgeführt. Es ging darum abzustimmen, ob die Delegiertenversammlung durch die Mitgliederversammlung ersetzt werden soll. Ein sehr emotional und bisweilen gehässig geführter «Wahlkampf» endete schliesslich mit einem deutlichen Entscheid für das Beibehalten der Delegiertenversammlung. Die Beteiligung von 50% der Mitglieder stellt jedoch die Wirksamkeit unserer sehr grossen Anstrengungen der letzten beiden Jahre im Bereich der Kommunikation mit unseren Mitgliedern in Frage.
Was genau aber stand hinter dieser Fragestellung von besonderer Bedeutung? Zum einen war da der Wunsch, dass die einzelnen Mitglieder noch aktiver in die Entscheidungen der Fachgesellschaft miteingebunden werden, also der Wunsch nach mehr Beteiligung aller Mitglieder. Zum anderen war die Urabstimmung aber auch Gelegenheit, Misstrauen gegenüber dem Wirken des Vorstandes zum Ausdruck zu bringen. Man war nicht zufrieden, wie der Vorstand die Frage des Fremdjahres angegangen ist, man war nicht zufrieden, wie die Tarifentwicklung ist, und schliesslich war man der Meinung, dass es Zeit wäre für einen Ruck in der Fachgesellschaft ohne allerdings die Richtung genauer beschreiben zu können. Dies widerspiegelt wohl auch die aktuelle Krise, in der sich die Psychiaterinnen und Psychiater in der Schweiz befinden. Wohin soll denn die Reise eigentlich gehen? Was genau ist die Rolle der Psychiater, was ist ihre Identität? Wie grenzen sie sich ab gegenüber ihren somatischen Kollegen, gegenüber den Psychologen? Wie schaffen wir es, die Tarifgestaltung so zu optimieren, dass sie sich gerecht entlohnt fühlen etc.?
Nach unserer Ansicht geht es also im Kern darum, wie sich die Psychiatrie und die Fachgesellschaft in den nächsten Jahren weiterentwickeln sollen. Der Vorstand will diese durch die Urabstimmung angestossene Diskussion aktiv mit diesen strategischen Fragen verknüpfen. An der letzten Delegiertenversammlung wurde entsprechend ein Worldcafé zu den folgenden Fragestellungen durchgeführt: «Was gilt es anders zu machen, respektive was genau soll anders werden?», «Was versteht man unter Transparenz?» und «Wie können die Mitglieder sowie die kantonalen/regionalen und angegliederten Gesellschaften besser einbezogen werden?». Es ist nun Aufgabe aller Beteiligten – also der Mitglieder, der Delegierten und des Vorstandes – nach «geschlagener Schlacht» zum Wohle unserer Fachgesellschaft Verantwortung zu übernehmen, sich wieder dem konstruktiven Dialog zu stellen und unser Fach und unsere Fachgesellschaft aus der aktuellen Krise herauszuführen. Das Feedback zu diesem Worldcafé stimmt mich positiv.
Der Vorstand wird nun die vielen Anregungen und Voten der Delegierten bündeln und ein Massnahmenpaket schnüren, das dann dem neu eingeführten Präsidententreffen, den kantonalen Gremien und der Delegiertenversammlung zur Beratung und zur Verabschiedung vorgelegt wird. Unsere Fachgesellschaft lebt und wird auf die drängenden Fragen der Zukunft Antworten finden.
Daniel Bielinski, Vizepräsident