


«Familie – ein Hort der Geborgenheit, ein Hort der Konflikte. Ein Konglomerat lebenslanger Verbindungen und Verflechtungen. Zu Grunde liegt die Weitergabe genetischen Materials von Generation zu Generation. Das betrifft nicht nur das äussere Erscheinungsbild. Auch Verhaltensmuster, Lebenseinstellungen, Erfahrungen und Beziehungsdynamiken prägen die Mitglieder einer Familie auf ganz eigene Weise. Oft bleibt dies unausgesprochen und unbewusst. Erwartungen, Tattoos, Geheimnisse und Legenden, aber auch Familienregeln oder die familiäre Kommunikationsfähigkeit bestimmen das „emotionale und soziale Vermächtnis“ der Ahnen».[1]
Auf transgenerationale Dynamiken bin ich das erste Mal bereits als junger Assistenzarzt gestossen, als ich die Behandlung eines Jugendlichen übernommen habe, der in der Nachbarscheune ein vierjähriges Mädchen sexuell missbraucht hatte. Im Anamnesegespräch mit der Mutter wurde deutlich, dass die Frauen in der Familie respektlos behandelt wurden. Sie selbst hatte einen eigenen sexuellen Missbrauch durch einen Onkel in derselben Scheune erlebt, diesen aber nie thematisiert geschweige denn verarbeitet. Nur sie und der Vater des Täters hätten davon gewusst. Eindrücklich erlebte ich transgenerationale Dynamiken auch in der Beratung von Eltern zweier kleiner Kinder, beide mit eigener sehr armer emotionaler Biografie und liebloser Erziehung. In einem der Gespräche, zirka sechs Monate nach Beginn der Behandlung wurde deutlich, dass der auch in der Therapie meist sehr angespannte Vater seine vierjährige Tochter Tage vorher auf den Armen absichtlich gegen den oberen Teil des hohen Kühlschrankes stiess, weil diese Milch vergossen hatte. Fast hätte er sie dabei fallen lassen, weil er sich schlagartig an eine ähnliche Handlung seines eigenen Vaters mit dem kleinen Bruder erinnerte.
Für mich, der ich als Kinder- und Erwachsenenpsychiater häufig mehrere Generationen in der Therapie überblicken kann, hat das etwas von einer griechischen Tragödie[2]: In dem Sinne, dass Kinder aus emotional ärmlicher Herkunft sich oft nichts sehnlicher wünschen als es in einer eigenen Familie besser zu machen, aber bei erzieherischer Grenzsetzung «gegen die Wand laufen». Sie werden dann mit ihren eigenen Defiziten konfrontiert, weil sie zu wenig liebevolle Erziehungserfahrungen und damit auch zu wenig wohlwollende Grenzsetzungsfertigkeiten aus ihrer eigenen Biografie als Kind mitbringen. Dann wiederholt sich ohne Therapie meist die Geschichte aus der vorhergehenden Generation in einem Leben mit den Schuldgefühlen, obwohl sie eine bessere Entwicklung verdient hätten.
Was davon sind also nicht gelernte soziale Fähigkeiten und was davon könnte auch fehlende Stresskompetenz sein durch frühe Störungen während der ersten drei Lebensjahre, in denen eine oder beide beteiligte Elternteile nicht gelernt haben, ihre Erregungspotential angemessen zu regulieren. Wir wissen heute aus der Forschung, dass die Folgen frühkindliche Deprivation mit reduzierter emotionaler Elastizität zu entsprechenden Schwierigkeiten führen können: «Vor allem die Arbeiten zur Säuglingsforschung in den USA belegen, dass es bereits sehr früh zu einer intensiven affektbasierten Kommunikation zwischen dem Säugling und seinen relevanten Bezugspersonen kommt, in welcher der Säugling sich den emotionalen Mitteilungen jener in seinen eigenen Rhythmen und Affektlagen anpasst und sich an diese, wenn sie von hoher Konstanz sind, adaptiert und sie habitualisiert. Dies konnte zum Beispiel bei Säuglingen und Kleinkindern häufig oder chronisch depressiver Mütter nachgewiesen werden.»[3]
«Dieser Prozess kann bereits pränatal über epigenetische Veränderungen einsetzen. Entscheidend für die kindliche Entwicklung ist dann die Zeit der ersten Bindungsaufnahme und -gestaltung junger Eltern zu ihren Kindern. Schwere traumatische Erfahrungen beeinträchtigen die Mentalisierungsfähigkeit, die als Fähigkeit zu verstehen ist, sich selbst und das Kind reflektierend in den je eigenen Bedürfnissen, emotionalen und anderen mentalen Zuständen wahrzunehmen. Angemessen feinfühlig auf kindliche Bedürfnisse zu reagieren ist der zentrale Faktor für den Aufbau sicherer Bindungsstrukturen und -muster zwischen Eltern und Kindern. Kinder schwer traumatisierter Eltern haben aufgrund dieser eingeschränkten elterlichen Reflexionsfähigkeit ein hohes Risiko, unsichere, sehr oft desorganisierte Bindungsmuster zu entwickeln. Eine desorganisierte Bindungsstruktur bedingt eine hohe Wahrscheinlichkeit einer späteren psychischen Erkrankung dieser Kinder.»[4]
«Sowohl Rutter (1989) wie Grünberg (2000) betonen, dass es beim Phänomen der transgenerationalen Übertragung nicht um einen Determinismus geht. Zum einen können die Reaktionen auf ähnliche Erlebnisse individuell sehr unterschiedlich sein, zum anderen gibt es Kinder mit traumatischen Erfahrungen, die nicht psychisch erkranken. Auf die Frage nach der unterschiedlichen Vulnerabilität und den verschiedenen Reaktionen verweist Rutter auf die individuellen Unterschiede der Personen, ihres Umfeldes, der dort möglichen kompensatorischen Erfahrungen und ihrer subjektiven Gestaltungsmöglichkeiten für das eigene Leben. Als beste Voraussetzung erweist sich in der Untersuchung von Tress die Verfügbarkeit einer stabilen positiven Bezugs- bzw. Bindungsperson. Mit Hilfe des Adult Attachment Interviews (AAI) ließ sich nachweisen, dass traumatische Erfahrungen nur dann an die nächste Generation übermittelt werden, wenn sie von den Betroffenen nicht verarbeitet werden. Folglich können sie auch nicht in die Konstruktion eines lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhangs eingebettet werden.»[5] Anfangs habe ich mich im Wesentlichen darum bemüht den beteiligten Familien, Angehörigen und Patienten die transgenerationale Dynamik aufzuschlüsseln, um damit auch eine Erklärung für ihr „Versagen“ im Sinne einer Entlastung zu vermitteln. Gleichzeitig konnte ich dabei die Compliance erhöhen, therapeutische Hilfe anzunehmen und einen besseren Umgang zu erlernen. /typo3/
«Heute gibt es spezifischere Therapieformen, die auf eine Verbesserung im Umgang mit diesen Schwierigkeiten zielen: mentalisierungsgestützte Eltern-Kind-Intervention beinhaltet nach einer umfassenden trauma- und bindungsspezifischen Eingangsdiagnostik als wesentliche Elemente das Mentalisierungstraining im Rahmen einer Eltern-Kind-Intervention sowie das Angebot einer begleitenden mentalisierungsorientierten, emotionsfokussierten Psychotherapie für die teilnehmenden Eltern. Das Mentalisierungstraining umfasst teils strukturierte, teils freie Eltern-Kind-Interaktionen, die videografiert und in einer folgenden Sitzung mit den Eltern im Blick auf das zu beobachtende Mentalisieren ausgewertet werden. Das Ziel des Trainings ist der Ausbau der Mentalisierungsfähigkeit und die Verbesserung der Feinfühligkeit von Eltern im Umgang mit ihren Kindern. Sie ermöglichen damit auch, dass das Kind in diesen wichtigen Bindungen und Beziehungen selbst lernt zu mentalisieren. Dieser Baustein stellt gerade für traumatisierte Eltern eine hohe Belastung und potentielle Berührung eigener traumatischer Erfahrungen dar. Um die Eltern auf diesem Weg zu stabilisieren und den im Mentalisierungstraining angestoßenen Prozess zu unterstützen, wird den Eltern psychotherapeutische Begleitung angeboten. Die in der Therapie mögliche Erfahrung eines mentalisierenden Verständnisses durch den Therapeuten entlastet und dient gleichzeitig als Modell. In einer Identifizierung mit der als hilfreich erlebten therapeutischen Haltung können Eltern dies in die Beziehung zu ihren Kindern einbringen, die auch eine Entlastung und Vertiefung erfahren kann.»[6]
Wichtig erscheint mir für uns Therapeutinnen und Therapeuten bei der Behandlung unserer Patienten die jeweilige Bedeutung der transgenerationalen Dynamik zu berücksichtigen, z.B. im Umgang der Patienten mit den eigenen Kindern.
Martin Pfeffer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Baden
[1] Silvia Prahl in einer Sendung von Radio SWR 2 19.05.2016
[2] schuldlos schuldig, Wikipedia: Griechische Tragödie
[3] Zitat von Angela Moré, Hannover in review Art EMH 26.06.2018 S232 ff
[4] Zitat angepasst nach Marianne Rauwald, Frankfurt, Psychotherapie Wissenschaft Bd 4, Nr 1(2014)
[5] nach Angela Moré, Hannover im Journal für Psychologie, Jg.21(2013), Ausgabe 2: Inter/Generationalität
[6] nach Marianne Rauwald, Frankfurt, Psychotherapie Wissenschaft Bd 4, Nr 1(2014)