


Der Kinder- und Jugendpsychiater Eric Fombonne ist einer der renommiertesten Autismusexperten der Welt. Am PSY-Kongress 2019 spricht er in seinem Keynote-Referat über Fragen rund um die Epidemiologie und die Effektivität der ABA-Methode. Beiläufig räumt er so auch mit einigen «Fake News» rund um diese Krankheitsbilder auf.
Tatsache ist, dass die Prävalenz der Autismus-Spektrum-Störungen in den letzten 50 Jahren zugenommen hat. Fakt ist aber auch, dass die Datenlage tatsächlich unterschiedlich ist. In diesem Zusammenhang gilt es mehrere Faktoren zu beachten: Zum einen haben wir die Definition von Autismus und deren Grenzen in den letzten 50 Jahren erweitert. Dazu ist die Gesundheitsversorgung je nach Region verschieden, insbesondere auch die verfügbare Infrastruktur im Bereich Autismus. Zugenommen hat aber auch unser Wissen über das Krankheitsbild, was uns aber auch die Öffentlichkeit sensibilisiert hat. Wir haben also heute andere Rahmenbedingungen, was die Ergebnisse epidemiologischer Erhebungen beeinflusst und zu verschiedenen Interpretationen führt. Die Ergebnisse von Studien sind nicht direkt miteinander vergleichbar, unabhängig davon, ob sie in verschiedenen Ländern oder zu verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt wurden. Wir vergleichen also Birnen mit Äpfeln.
Die uns vorliegenden Daten stammen hauptsächlich aus Prävalenzstudien. Die Prävalenzzahlen stammen aus Querschnittsuntersuchungen, die uns ein sehr statisches Bild einer Krankheit zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort vermitteln. Dies erlaubt es nicht, Hypothesen über eine veränderte Häufigkeit von Autismus wirklich zu testen – d.h. die Hypothese einer «Epidemie» zu bestätigen oder zu widerlegen. Es ist nach wie vor möglich, dass es eine reale Zunahme gibt. Dann stünde aber auch die Hypothese im Raum, dass Umweltrisikofaktoren an der Ätiologie des Autismus beteiligt sind. Bis heute haben wir darüber aber keine wirklich fundierten Erkenntnisse. In den letzten zehn Jahren gab es viele vorläufige Studien über Umweltfaktoren und Neurotoxizität, mütterlichen Immunerkrankungen, über Vitaminmangel während der Schwangerschaft oder pränatale Medikation. Es gab auch viele Hypothesen, die endgültig eliminiert wurden, wie die Rolle der Persönlichkeit von Müttern oder die Rolle von Impfungen im frühen Kindesalter.
Anlass zu dieser Diskussion gab eine Studie aus dem Jahr 1998, die inzwischen in zahlreichen Studien wiederlegt wurde und selbst im Journal, das sie publizierte, zurückgezogen wurde. Auch ich habe einige Studien durchgeführt und insbesondere bin ich den zentralen Gegenargumenten der Impfgegner nachgegangen. Fakt ist: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus-Spektrum-Erkrankungen. Wie wir heute sehen, war der Effekt dieser nicht-bestätigten ersten Studie aber fatal. Trotz klarer wissenschaftlicher Datenlage befürchteten seither Eltern, dass Impfstoffe Autismus bei Kleinkindern auslösen. Die Folge: Mitte der Neunziger Jahren war dank der «Herdenimmunität» von 92-95% die Masernerkrankung nahezu verschwunden. Heute sterben weltweit wieder an die 100'000 Kinder an einer Maserninfektion. Das hätte man vermeiden können.
Ein Wendepunkt in der Autismusbehandlung war die «Lovaas-Studie» aus dem Jahr 1987, die verhaltenstherapeutische Frühinterventionen auf ABA-Basis (Applied Behavioral Analysis) propagierte und vielversprechende Studienergebnisse präsentierte. Die Studie brachte Hoffnung. Randomisierte klinische Studien zeigten bei Kindern, die mit einer Form von ABA behandelt wurden, überdurch-schnittliche Fortschritte in Sprache und kognitivem Niveau. Allerdings konnten die Studienerfolge nicht immer repliziert werden. Einige Rahmenbedingungen der ABA-Methoden, wie beispielsweise die 40 Stunden/Woche-Settings entbehren auch der empirischen Grundlage. Mittlerweile wurden neue Methoden auf Basis von ABA entwickelt, aber heute sind diese Interventionen kürzer, weniger starr und flexibler. Während alle ABA-Kontrollstudien eine Wirksamkeit bei Indikatoren wie Sprache oder kognitiver Entwicklung zeigen, bleiben die Fortschritte der Kinder partiell und heterogen.
Aktuell wissen wir nicht, welches Kind auf welche Therapie anspricht und welches nicht. Wir sind also noch nicht am Ziel und haben Handlungsbedarf. Wir müssen unsere Studien über die Ursachen und die Behandlung von Autismus fortsetzen. Mir geht es daher darum, basierend auf meiner klinischen und wissenschaftlichen Erfahrung in verschiedenen Gesundheitssystemen, einen Überblick über die aktuelle Debatte rund um die Prävalenz, die Frühdiagnostik und Frühinterventionen und die Effektivität der aktuellen Methodenvielfalt bei Autismus-Spektrum-Störungen vorzustellen, fachlich einzuordnen und im Plenum zu debattieren.
Dr. Eric Fombonne ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Direktor der Autismusforschung am Institut für Entwicklungsstörungen an der Universität für Gesundheitswissenschaften in Oregon, USA. Der weltweit renommierte Autismusexperte hat im Laufe seiner Karriere in mehreren Ländern gearbeitet: Unter anderem am National Institute of Health and Medical Research (INSERM) in Frankreich, am Institute of Psychiatry und am Maudsley Hospital am King's College in London und an der McGill University in Kanada. Er verfügt über eine langjährige klinische Erfahrung mit Kindern mit Autismus und ihren Familien und hat zahlreiche epidemiologische, klinische und genetische Studien darüber durchgeführt. Eric Fombonne hat über 320 Artikel in peer-reviewed Journalen veröffentlicht, 40 Kapitel in Büchern verfasst.