Die Schweizerische Gesellschaft für Forensische Psychiatrie (SGFP)

Die Schweizerische Gesellschaft für Forensische Psychiatrie wurde im Jahr 2006 gegründet. Den Anstoss dazu gab damals das Bestreben, die forensisch-psychiatrische Praxis zwischen den verschiedenen Regionen und Kantonen der Schweiz zu harmonisieren. Zur selben Zeit wurden in unserem Land gesetzliche Neuerungen ausgearbeitet, die bald konkrete Formen annahmen. So traten 2007 das revidierte Strafgesetzbuch und 2013 das neue Zivilgesetzbuch in Kraft. Zudem wurden in der Zwischenzeit, im Jahr 2011, auch die bis dahin kantonal geregelten Straf- und Zivilprozessordnungen auf eidgenössischer Ebene vereinheitlicht. Dadurch entstand die klare Notwendigkeit, die Tätigkeiten in diesem sehr sensiblen sozialen Feld zu professionalisieren, denn die allgemeine Fachausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie konnte diesem Anspruch kaum gerecht werden. Die Themen sind gewichtig. Zu erwähnen sind etwa der mitunter langfristige Einfluss von Gutachten auf die künftige Entwicklung von Beschuldigten im Strafverfahren; der mögliche Verlust fundamentaler Rechte bei Erwachsenenschutzmassnahmen; die erheblichen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung von Familien, wenn die elterlichen Kompetenzen abgeklärt werden müssen; die psychische Versorgung von Inhaftierten im Strafvollzug; das Erarbeiten von Therapien, die eine Rückfallgefahr von Personen, die von strafrechtlichen Massnahmen betroffen sind, vermindern sollen usw. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen mit solchen Themen, die Woche für Woche für Schlagzeilen sorgen und das Herzstück der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie sind.

Die spezifischen Besonderheiten dieses Feldes, das sich stets an der Schnittstelle zum Recht bewegt, machten auf Anhieb deutlich, dass die Problemstellungen in der Erwachsenen- und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie trotz ihrer Ähnlichkeit doch sehr unterschiedlich angegangen werden müssen. Es war deshalb nur natürlich, dass die SGFP gleich zu Beginn eine Sektion für Kinder- und Jugendforensik, eine deutschsprachige Sektion für Erwachsenenforensik und eine Sektion Latin für Erwachsenenforensik schuf.

Im Jahr 2014 konnten dank einer strukturellen Reorganisation die beiden Sektionen für Erwachsenenforensik in eine einzige zusammengeführt werden. Ausserdem war es dadurch auch möglich, die Sektion für Kinder- und Jugendforensik weiterzuführen und eine Sektion für Psychologinnen und Psychologen zu schaffen, die im Bereich der Forensischen Psychologie tätig sind.

Durch die Etablierung eines Zertifikats für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie und eines Zertifikats für Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im Jahr 2008 nahm das Bestreben nach Professionalisierung rasch konkrete Formen an. Die SGFP führte von da an zahlreiche theoretische Kurse durch, und die Zulassungskriterien für Bewerberinnen und Bewerber wurden durch eine Zertifizierungskommission der SGFP formalisiert. Mit der Einführung von Schwerpunkttiteln im Bereich der Psychiatrie schien es uns an der Zeit, dass auch unser Fachgebiet eine solche Anerkennung erhält. Nach einem langen Entwicklungsprozess konnten ab 1. Januar 2014 die Schwerpunkttitel Forensische Psychiatrie und Psychotherapie sowie Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eingeführt werden. Aufgrund der Bedürfnisse, die sich bei der Vermittlung der notwendigen theoretischen Kenntnisse beispielsweise in den Bereichen Recht und Strafvollzug zeigten, stellte sich rasch die Frage nach dem Format des Unterrichts. In der Folge wurden zwei CAS-Lehrgänge in Forensischer Psychiatrie eingeführt: 2010 an der Universität Lausanne in französischer Sprache, im Jahr 2017 folgte dann der deutschsprachige an der Universität Luzern.

Gegenwärtig zählt die SGFP mehr als 170 Mitglieder. Trägerinnen und Träger eines Schwerpunkttitels sind ordentliche, alle anderen assoziierte Mitglieder. Jedes Jahr findet in Bern die Generalversammlung statt. Darüber hinaus treffen wir uns einmal jährlich, in der Regel im Januar, an einer Klausurtagung zu unterschiedlichen Themen. Die Sektionen organisieren zudem intern, je nach ihren Möglichkeiten, diverse Veranstaltungen (Konferenzen, Sektionstreffen usw.).

Die SGFP hat nicht nur zum Ziel, die wissenschaftliche und praktische Arbeit in Schweizer Institutionen und Privatpraxen zu fördern, sondern sie spielt auch als bevorzugte Ansprechpartnerin der Bundes- und Kantonsbehörden bei psychiatrischen und rechtlichen Fragen eine wichtige Rolle. Zudem sind zahlreiche Kolleginnen und Kollegen in Kommissionen tätig, so zum Beispiel in konkordatlichen oder kantonalen Fachkommissionen zur Überprüfung der Gefährlichkeit von Straftätern oder in der Eidgenössischen Fachkommission zur Beurteilung der Behandelbarkeit lebenslänglich verwahrter Straftäter.

Von den vielen grossen Herausforderungen in unserem Fachbereich bedarf einerseits die Nachwuchsförderung, die sehr anspruchsvoll und zugleich spannend ist, besonderer Aufmerksamkeit. Andererseits muss aber auch das Bestreben gefördert werden, eine Basis für eine fruchtbare Zusammenarbeit mit den forensischen Psychologinnen und Psychologen zu schaffen. In der Schweiz sind diese bereits heute ein wichtiger Teil der Teams innerhalb der akademischen und nicht akademischen Institutionen der Forensischen Psychiatrie. Die SGFP befasst sich derzeit vertieft mit diesem Thema.


Dr. med. Philippe Delacrausaz, Präsident 

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