Das aktuelle Positionspapier der DGPPN zur Identität der Psychiatrie

Paul Hoff



Die Debatte um die Identität des medizinischen Fachgebietes Psychiatrie und Psychotherapie hat jüngst deutlich an Dynamik gewonnen, und dies nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit. Im Folgenden möchte ich begründen, warum das notwendig und gut ist. Als Beispiel dient das jüngst (November 2019) veröffentlichte Positionspapier zu eben diesem Thema, das eine Task Force der DGPPN erarbeitet hat (verfügbar unter www.dgppn.de).

Braucht es diese Debatte überhaupt?

So etwas Besonderes sei das Hinterfragen der Identität unseres Faches im Grunde nicht, könnte man einwenden, denn schliesslich liessen sich entsprechende Voten bis zu den im 18. Jahrhundert liegenden Anfängen der Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin zurückverfolgen. Das ist zutreffend, erfasst den Sachverhalt aber nicht in seiner heutigen Breite: Zum einen ist zwar, allen Bemühungen um Versachlichung und Transparenz zum Trotz, die gesellschaftliche Skepsis gegenüber der Psychiatrie, wonach diese sich weniger als wissenschaftliche Disziplin denn als soziale Kontrollinstanz geriere (man denke an den Kontext von Zwangsmassnahmen), weiterhin zu beobachten. Zum anderen aber beginnt sich die Debatte um psychiatrische Kernbegriffe wie Krankheit, Diagnose, Therapie und Prävention in den letzten Jahren markant neu zu akzentuieren: Frühere, noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Verve ausgefochtene Kontroversen etwa um die Begriffspaare Gehirn und Psyche oder biologische und soziale Psychiatrie machen heute – im Gefolge des „Megatrends“ Digitalisierung – der kritischen Frage Platz, ob wir mit Ansätzen, die sich nach wie vor stark an „Klassikern“ wie Emil Kraepelin, Eugen Bleuler oder Sigmund Freud orientieren, überhaupt noch auf dem richtigen klinischen und wissenschaftlichen Weg seien. Schärfer formuliert: Können diese tradierten Denkmodelle in der aktuellen Forschungslandschaft nicht im schlimmsten Fall zu veritablen Bremsklötzen werden, wenn sie nämlich den Blick verstellen für neue Perspektiven?


In eben diese Richtung argumentieren die Befürworter/innen einer konsequent dimensional (also nicht kategorial) ausgerichteten „computational psychiatry“, die die heute zur Verfügung stehenden mathematischen Möglichkeiten zur Verarbeitung sehr grosser Datensätze („big data“, „machine learning“) als Kristallisationspunkt ei¬nes neuen psychiatrischen Selbstverständnisses verstehen. Es sei zu erwarten – so die Prognose –, dass tradierte kategoriale Begriffe wie „Schizophrenie“ oder „bipolare Störung“, ja möglicherweise die psychiatrische Diagnostik nach ICD-10 und DSM-5 schlechthin, aufgeweicht oder aufgelöst werden und neuartigen diagnostischen und therapeutischen Perspektiven Raum geben. Nicht nur, aber auch hier muss die Identitätsdebatte eingreifen und Fragen stellen wie diese: Wie können wir psychopathologische Denktraditionen so mit modernen Forschungsmöglichkeiten ins Gespräch bringen, dass sich beide weder ausgrenzen noch behindern, sondern wechselseitig befruchten?

Eckpunkte des Positionspapiers der DGPPN

Das Papier entstand in einer Arbeitsgruppe, ergänzt durch einen Vernehmlassungsprozess unter Fachpersonen, stellt also ein „Viel-Autoren/-innen-Werk“ dar. Gleich¬wohl hat es nicht nur den Charakter eines Kompromisspapieres, das allen gerecht werden möchte. Es anerkennt den Mehrperspektivencharakter der Psychiatrie, be¬trachtet diesen als Chance und lässt divergierende Standpunkte gelten. Es will (und kann) keine endgültigen Antworten liefern, wohl aber die weitere Auseinandersetzung mit der Thematik anregen, innerhalb wie ausserhalb der Psychiatrie.

Inhaltlich gliedert sich der Text in 4 Hauptkapitel: (1) „Zum Gegenstand der Psychiatrie“ (hier geht es etwa um den Krankheitsbegriff, um kategoriale vs. dimensionale Ansätze und um die Perspektivenvielfalt), (2) „Fachärztliche Kompetenzen in Psychiatrie und Psychotherapie“ (Rollenverständnis, therapeutische Beziehung, Spektrum von Behandlungsmethoden), (3) „Psychiatrie und Gesellschaft“ (Mehrfacher Auftrag an die Psychiatrie, Autonomie und Selbstbestimmung, Rolle der Ökonomie, Recovery, Einbezug der Betroffenenperspektive) sowie (4) „Vertiefungen“. Letztere umfassen ergänzende Beiträge zu den Themenbereichen „Ideengeschichte der Psychiatrie“, „Integrierende Konzepte von Person, sozialer und ökologischer Umwelt“, „Aktuelle Versorgungsstrukturen“ sowie „Forensische Psychiatrie und Gesellschaft“.

Résumé

Das Vorantreiben der laufenden Debatte zur Identität der Psychiatrie ist eine anspruchsvolle und, mit Blick auf Patientenversorgung, Forschung und Nachwuchsrekrutierung, verantwortungsvolle Aufgabe, der wir uns engagiert und offen stellen müssen – und können. Das hier beschriebene Positionspapier möchte dazu einen Beitrag leisten.  

Anschrift des Verfassers

Prof. Dr. med. Dr. phil. Paul Hoff*
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Lenggstrasse 31, Postfach 363
8032 Zürich
paul.hoff@puk.zh.ch
www.pukzh.ch

* Der jetzige Autor war Mitglied der genannten Task Force.  

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