

Warum Alarmismus fehl am Platz ist, welche heikle Rolle Therapievermittlungsplattformen spielen können und wie Kinder- und Jugendpsychiatrien die Nachfrage bewältigen: Wir hatten in den letzten Wochen eine hohe Medienpräsenz. Ein Überblick.
Manuela Specker, Kommunikationsbeauftragte
Mit der Corona-Pandemie ist die psychische Gesundheit in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Es fällt auf, wie sich viele Beiträge in ihren Hauptaussagen ähneln. In erster Linie wird der hohe Andrang thematisiert, den Institutionen und niedergelassene Psychiater*innen und Psycholog*innen zu bewältigen haben, oder es geht darum, wie sich generell der psychische Zustand vieler Menschen verschlechtert hat. Längst nicht immer wird zwischen der Erwachsenen- und der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterschieden. In dieser Ausnahmesituation verschwimmen in der medialen Berichterstattung auch zusehends die Unterschiede zwischen schwerer Depression und depressiven Verstimmungen. Der bevorstehende bundesrätliche Entscheid zum Anordnungsmodell war zudem für die Berufsverbände der Psycholog*innen ein Grund, zusätzlichen Druck auszuüben und pauschal auf die erhöhten Therapienachfragen hinzuweisen. So sehr wir eine erhöhte Präsenz der psychischen Gesundheit begrüssen, war es uns doch ein grosses Anliegen, eine differenziertere Wahrnehmung der Versorgungssituation und des psychischen Zustandes in der Bevölkerung zu fördern.
In der Medienmitteilung vom 11. Februar 2021 haben wir argumentiert, warum die Situation weder dramatisiert noch für berufspolitische Interessen instrumentalisiert werden sollte. Die CH-Media-Titel haben die Meldung publiziert. Knapp zwei Wochen später hat die NZZ-Journalistin Dorothee Vögeli den Ball aufgenommen und in ihrem ganzseitigen Meinungsbeitrag unsere Überzeugung gestützt, dass Alarmismus fehl am Platz ist. Sie betont insbesondere die wichtige Rolle der Psychiatrie in der Gesellschaft, und sie fordert, der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusätzliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen. «Dass eine Pandemie kommen musste, um die Verantwortlichen aufzurütteln, ist schlicht skandalös. Spätestens jetzt müssen den Lippenbekenntnissen Taten folgen», so die Journalistin.
Statements der SGKJPP
Vertreterinnen und Vertreter der SGKJPP konnten in den Medien vermehrt auf die Engpässe aufmerksam machen. Alain Di Gallo und Susanne Walitza kamen beispielsweise in einem Artikel des SonntagsBlick zu Wort. Aber auch in diesem Kontext war es für sie wichtig, eine differenzierte Wahrnehmung zu fördern. So betont Susanne Walitza, dass viele Jugendliche bemerkenswert stark auf Solidarität setzen und manchmal vorbildlicher als Erwachsene seien. Im Interview mit TeleZ im Rahmen der Sendung «konkret», wo Susanne Walitza zusammen mit Margrit Stamm auftrat, erläuterte sie die unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche und plädierte dafür, die Situation in jeder Hinsicht differenziert anzuschauen – auch im Hinblick auf die Schulen. Es reiche nicht aus zu fordern, diese müssten offenbleiben. Schulen müssten auch Unterstützung erhalten, wie sie besser mit der Situation umgehen, Kinder und Jugendliche zu schützen und gleichzeitig Kreativität zuzulassen. Susanne Walitza plädierte stark dafür, die Jungen mehr in entsprechende Überlegungen miteinzubeziehen.
Alain Di Gallo beleuchtete im Interview mit dem Beobachter die Situation der jüngeren Kinder (sechs- bis zwölfjährig) – unter anderem, wie sich bei ihnen die psychischen Probleme im Kontext der Pandemie äussern, wie die Klinik die Versorgung sicherstellt, aber auch, warum keine gestörte Generation Corona entstehen wird. «15 bis 20 Prozent haben zu kämpfen. Um sie müssen wir uns kümmern – auch wenn die Pandemie vorbei ist», wird Alain Di Gallo zitiert.
Die Herausforderung wird auch in kommunikativer Hinsicht sein, das Thema der psychischen Gesundheit auf der medialen Agenda zu behalten, wenn dereinst der Normalzustand einkehren wird. So sehr die Auswirkungen auf die Psyche während des Ausnahmezustandes oft überspitzt dargestellt wurden, besteht die Gefahr, dass mit einer Normalisierung der Situation auch die psychische Gesundheit aus dem Fokus des öffentlichen Interesses verschwinden wird. Das gilt es nur schon deshalb zu vermeiden, weil die langfristigen Folgen der Pandemie auf die Psyche noch nicht abschätzbar sind und sich gerade die Gefährdung beruflicher Existenzen oft nicht unmittelbar, sondern zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar macht.
Statements der SGPP / FMPP
Wie wir auch in der Medienmitteilung geschrieben haben, darf die psychiatrische Versorgung in der Schweiz nicht nur aus dem Blickwinkel der Corona-Pandemie beurteilt werden, und es braucht weiterhin einen grossen Effort, um zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beizutragen. Wenn nun immer mehr Therapievermittlungsplattform die Sichtbarkeit therapeutischer Angebote erhöhen, ist das auch in unserem Sinne.
Aber manche Angebote sind auch kritisch zu hinterfragen, so wie das Fulvia Rota in einem Beitrag von CH Media über die neue Plattform «WePractice» gemacht hat, ein Projekt der Migros. Alleine die Tatsache, dass ein Grossverteiler auf diese Weise im Gesundheitsmarkt mitmischen will, müsse skeptisch machen. Das Angebot wirbt mit Sätzen wie «Stärke dein mentales Wohlbefinden», und die Rede ist von «Klienten». Das klingt nicht nur nach Wellness, wie auch der Journalist Benjamin Weinmann feststellt. Die registrierten Therapeut*innen weisen zudem einen grossen Mix an Aus- und Weiterbildungsdiplomen auf, so dass verlässliche Aussagen über die Qualität schwierig sind.
Ein weiteres Thema, zu der sich die SGPP äussern konnte, waren die Impfpriorisierungen. Gegenüber dem Online-Portal «heidi.news» argumentierte Fulvia Rota, warum es wichtig ist, psychisch erkrankte Menschen und ihre Betreuer*innen/Therapeut*innen prioritär zu impfen.
Anordnungsmodell: Viel Präsenz im Vorfeld des Entscheides
Der bundesrätliche Entscheid zum Anordnungsmodell vom 19. März 2021 erfuhr vergleichsweise wenig Medienresonanz, weil es sich im Grunde genommen um einen formellen Akt handelte. Dominierend waren im Vorfeld Medienberichte wie jener auf NZZ Online, welche die Umfragen der Berufsverbände der Psycholog*innen aufnahmen. Es ging in diesen Umfrageresultaten vor allem um Menschen, die eine psychologische Psychotherapie machen wollen, aber abgewiesen werden müssen, sei es aus Kapazitätsgründen, oder weil die Therapie nicht durch die Grundversicherung gedeckt ist. Fulvia Rota konnte in diesem Zusammenhang einmal mehr betonen, dass es zwar regionale Unterschiede gebe, die Situation aber nicht so dramatisch sei, wie sie immer wieder dargestellt werde. «Die psychiatrische Versorgung in der Schweiz ist auch in der Corona-Pandemie jederzeit sichergestellt», wurde sie zitiert. «Wer in der Schweiz einen Therapieplatz sucht, der findet in der Regel einen.»
Die SGPP-Umfrage, deren Ergebnisse Mitte März vorlagen (siehe Extra-Newsletter), bestätigt im Wesentlichen die Aussagen, die wir bereits in der Medienmitteilung vom 11. Februar 2021 gemacht haben. Nach dem bundesrätlichen Entscheid hat die NZZ in einem Leitartikel argumentiert, warum es höchste Zeit war für einen erleichterten Zugang zu Psychotherapien. Im Vorfeld hatte Fulvia Rota in einem Hintergrundgespräch mit der Autorin Lena Stallmach unter anderem die Kritikpunkte seitens der Psychiater*innen erläutert, die zum Teil in den Beitrag eingeflossen sind.
Bei dieser Zusammenstellung handelt es sich um eine Auswahl an Medienberichten seit Februar 2021, in denen Vorstandsmitglieder von FMPP, SGPP und SGKJPP zu Wort gekommen sind.