«Sie tun Gutes und sollten mehr darüber reden»

Seit dem 1. Februar 2021 ist Manuela Specker die Kommunikationsbeauftragte der FMPP und ihrer Fachgesellschaften. Die 44-jährige über ihre ersten Eindrücke in dieser Funktion – und wie sie der psychischen Gesundheit und der Psychiatrie zu mehr öffentlicher Wahrnehmung verhelfen will.  

Susanne Walitza und Catherine Léchaire, Co-Präsidentinnen Kommission Kommunikation

 

Frau Specker, was hat Sie dazu bewogen, sich bei der FMPP als Kommunikationsbeauftragte zu bewerben?

Ich habe schon länger den Eindruck, dass Ihr Wirken zu wenig Anerkennung in der Öffentlichkeit erfährt, wie andere Berufe übrigens auch, in denen man direkt mit Menschen und ihren Problemen zu tun hat. Wir leben in einer Zeit, in der das Negative möglichst ins Unsichtbare verbannt werden soll. Nach aussen hin muss immer als glatt poliert und funktionstüchtig erscheinen. Unter anderem deshalb haben Sie es als Psychiaterinnen und Psychiater schwieriger als andere, gehört zu werden. Da möchte ich Gegensteuer geben, mich interessieren die anwaltschaftlichen Aspekte in der Kommunikation.

 

Sie waren viele Jahre bei Tages- und Wochenzeitungen als Journalistin tätig und zuletzt bei der Caritas Schweiz als Herausgeberin. Ihre Beiträge haben uns in ihrer Differenziertheit sehr beeindruckt, und wir stellten fest, dass vieles themenverwandt zu unserem Fach ist. Was nehmen Sie daraus für Ihre Arbeit bei uns mit?

Ich bin selber erstaunt, wie viele Überschneidungen es gibt. Das liegt wohl daran, dass ich in meiner Arbeit im Sinne jener Menschen etwas bewirken möchte, die in diesem auf Profit und Effizienz getrimmten System unter die Räder geraten, die benachteiligt sind oder sich anderweitig ausgegrenzt fühlen – zum Beispiel, weil sie psychisch krank sind. Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit Ausgrenzungsmechanismen beschäftigt, aber auch damit, was in der Arbeitswelt schiefläuft: Mit Machtmissbrauch, der seine Opfer fordert, mit individuellen und systemischen Bedingungen, die Burnouts begünstigen etc. Da eine gute Kommunikation voraussetzt, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, kann ich von diesem Wissen auch als FMPP-Kommunikationsbeauftragte profitieren. Ich möchte vermehrt dazu ermuntern, dass Sie sich als Psychiaterinnen und Psychiater zu gesellschaftlichen Entwicklungen oder Umständen äussern, die Menschen krank machen.

 

Eine Ihrer ersten Amtshandlungen bei uns war eine Medienmitteilung. Können wir in der nächsten Zeit ähnliches erwarten?

Ja natürlich, wobei der Anstoss für diese Medienmitteilung von der SGPP-Präsidentin Fulvia Rota und ihrem Stellvertreter Rafael Traber kam. So konnte ich gleich in der ersten Woche feststellen, dass wir auch inhaltlich an einem Strick ziehen. Eine wirksame Kommunikation bedeutet, mittels Schreiben und Reden die Rezipienten zum Lesen und Denken zu verführen. Dafür reicht es nicht aus, schöne Sätze aneinanderzureihen. Wenn wir uns an Inhalten orientieren, differenzieren und die Gesamtzusammenhänge vor Augen haben, handeln wird am Ende immer auch im Interesse der Patientinnen und Patienten.

 

Die Mitglieder haben bei der Befragung im Jahr 2020 geäussert, sie wünschten sich mehr Aussenwirkung und mehr externe Kommunikation. Was sind Ihre Ideen dazu?

Ich habe im Vorstellungsgespräch eine Podcast-Produktion angeregt, da habe ich auch bereits Erfahrungen gesammelt. Zudem besteht viel Potenzial in der Nutzung von Social Media. Ideen sind das eine, die Machbarkeit das andere: Das sind sehr aufwändige Instrumente, das müssen wir uns, die wir über keinen Kommunikationsstab verfügen, bewusst sein. So ein Engagement darf keinesfalls auf Kosten der internen Kommunikation oder der klassischen Medienarbeit gehen. Ich sehe wie gesagt grosse Chancen darin, dass Sie sich als Psychiaterinnen und Psychiater auch gesellschaftskritisch einbringen. Generell möchte ich anmerken, dass die Aussenwirkung nicht etwas ist, das wir nach Lust und Laune steuern und beeinflussen können, das setzt Geduld und eine langfristige Strategie voraus. Auch können wir den Journalistinnen und Journalisten nicht diktieren, was sie schreiben sollen. Hinzu kommt: Die Psychiatrie ist historisch vorbelastet, entsprechend ist sie mit vielen Vorurteilen belegt.

 

Wie können wir Gegensteuer geben?

Ich glaube fest daran, dass wir immer mehr Gehör finden werden, wenn wir uns reflektiert auch zum Zeitgeschehen zu Wort melden und Entwicklungen in Zusammenhänge stellen, statt dass wir uns an Debatten beteiligen, die dramatisierend und zugespitzt sind – obwohl manche Medien dies im Wettbewerb um Aufmerksamkeit lieben. Wir müssen kommunikativ zudem auf mehreren Ebenen tätig sein: Es geht darum, in der Wahrnehmung der Bevölkerung die psychiatrische Arbeit aufzuwerten und dabei gleichzeitig psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen und mehr Nachwuchs für den Beruf des Psychiaters, der Psychiaterin zu begeistern. Diese Aspekte hängen letztlich zusammen. Das setzt viel Aufklärungsarbeit und einen langen Atem voraus. Und vor allem: Es braucht einen Vorstand und ein Präsidium, welche die Kommunikation aktiv unterstützen. Sie alle tun Gutes mit Ihrer Arbeit, und ich will Sie dazu ermuntern, dass Sie mehr darüber reden. 

 

Wie sind diesbezüglich Ihre Erfahrungen, die Sie bisher in unseren Verbänden gemacht haben?

Die Bereitschaft ist sehr gross, kommunikativ einiges voranzutreiben. Gerade in der Medienarbeit muss es schnell gehen. Es erleichtert meine Arbeit sehr, dass das Co-Präsidium mit Fulvia Rota und Alain Di Gallo trotz voller Terminkalender jeweils innert Kürze erreichbar ist. Auch spüre ich eine grosse Offenheit für eine proaktive Medienarbeit und Kommunikation. Wir müssen uns natürlich bewusst sein, dass wir nicht wie grössere Verbände oder Firmen über einen ganzen Kommunikationsstab mit einer hohen Arbeitsteilung verfügen. Aber das macht eben auch den Reiz dieser Aufgabe bei Ihnen aus: Ich kann mich direkt inhaltlich und beratend einbringen, und ich kann dafür sorgen, dass kommunikativ möglichst alles eine einheitliche Handschrift trägt. Um nach aussen als schlagkräftig und als eine Einheit wahrgenommen zu werden, bedingt dies aber, dass innerhalb eines Verbandes unterschiedliche Ansichten offen angesprochen werden. Es muss ein minimaler Grundkonsens bestehen, an dem sich alle orientieren. Auch hier bin ich sehr zuversichtlich, weil ich die Verbandsführung als ausgesprochen inkludierend und engagiert erlebe.

 

Könnte Corona dazu beitragen, dass der psychischen Gesundheit wieder mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zuteilwird, wenn wir die Pandemie überstanden haben?

Das kann sein, ich bin da aber eher skeptisch. Wir haben eine schwierigere Ausgangslage als die Psychologinnen und Psychologen: Auf eine Psychiaterin, einen Psychiater angewiesen zu sein, ist noch immer sehr stigmatisierend, während es weniger ein Tabu darstellt zu sagen, man hole sich Hilfe bei einem Psychologen, einer Psychologin. Im Gegenteil: Diese Arbeit am Selbst wird heute vom neoliberalen Ich geradezu eingefordert. Ausdruck davon ist auch die Karriere der Begriffe Achtsamkeit und Resilienz. Wir müssen sehr aufpassen, denn es fragt sich, ob es nicht  nur oberflächlich betrachtet zu einer Entstigmatisierung psychischer Probleme gekommen ist. Diese Selbstoptimierungen und überhaupt die ganze Glücksindustrie führen letztlich dazu, dass dem Individuum eingetrichtert wird, jegliche negativen Gefühle, jegliche Traurigkeit bekämpfen zu müssen, obwohl diese zum Menschsein gehören. Damit ist gerade Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen überhaupt nicht geholfen.

 

Wo sehen Sie kommunikativ in den nächsten Jahren die grössten Herausforderungen?

Die grössten Herausforderungen stehen unter anderem mit der Umsetzung des Anordnungsmodells an. Mir scheint, die Unterschiede zwischen ärztlicher und psychologischer Psychotherapie werden immer mehr verwischt, hier sollten wir unbedingt Gegensteuer geben. Es geht nicht darum, das eine als besser als das andere darzustellen. Aber es darf nicht sein, dass die Psychologie hier die Deutungshoheit übernimmt. Im Übrigen wäre es von Vorteil, wenn beide Seiten anerkennen, dass es auch beide Seiten braucht, um die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz sicherzustellen. Gerade in Zusammenhang mit dem Anordnungsmodell wurde zum Teil mit unschönen Methoden Stimmung gegen Psychiaterinnen und Psychiater gemacht. Das ist nicht nur unfair, sondern schadet am Ende dem Ziel, dem wir uns alle verschreiben müssen: Dass jeder Patient, jede Patientin die passende Behandlung erhält, statt auf sich alleine gestellt zu sein. Eine weitere grosse Herausforderung besteht darin, beim Nachwuchs das Interesse für den Beruf des Psychiaters, der Psychiaterin zu wecken, und zwar sowohl in der Erwachsenen- wie auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Denn manchmal ist der Beruf sogar stigmatisierter, als es die Störungsbilder sind. 

Zur Person

Manuela Specker (44) hat in Fribourg (Zeitgeschichte, Medien- und Kommunikationswissenschaften) und Oxford (Geschichte) studiert und am Medienausbildungszentrum MAZ in Luzern den Studiengang Journalismus absolviert. Sie arbeitete viele Jahre bei Tages- und Wochenzeitungen als Journalistin und Redaktorin (u.a. Luzerner Zeitung und CASH), bevor sie in die Unternehmenskommunikation wechselte (u.a. CSS Versicherung). Die letzten Jahre war sie als Bildungsverantwortliche für Caritas Schweiz und als freischaffende Journalistin für CH Media tätig. 

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