

Manuela Specker, Kommunikationsbeauftragte
«Allein wegen Corona erkrankt niemand an einer schweren Depression»: Mit diesem Zitat wurde das dreiseitige Interview im Migros-Magazin mit Fulvia Rota eröffnet. Sie hatte die Gelegenheit, die Situation aus Sicht der SGPP darzulegen. Denn im Vorfeld kam es zu dramatisierenden medialen Darstellungen. So äusserte sich Fulvia Rota kritisch zur viel zitierten «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel, deren Resultate auf einer Selbsteinschätzung des eigenen Zustandes beruhen.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist mit Verweis auf diese nicht repräsentative Studie immer wieder der Eindruck erweckt worden, dass sich in der Gesamtbevölkerung die Zahl Betroffenen mit schweren depressiven Symptomen von der ersten zur zweiten Welle auf 18 Prozent verdoppelt habe. Fulvia Rota erläuterte, warum und wie hier differenziert werden muss, ging explizit auf die Situation der Kinder und Jugendlichen ein und machte zugleich darauf aufmerksam, dass wir die Langzeit-Folgen auf die psychische Gesundheit nicht unterschätzen dürfen.
Das Interview in der Ausgabe vom 10.Mai 2021 schlug hohe Wellen. So erhielt die SGPP-Präsidentin viele zustimmende Reaktionen, und «Medinside» nahm den Ball auf. Der Journalist bezog dabei auch auf die Umfragen der Berufsverbände der Psycholog*innen Bezug und fragte sich, ob die psychologischen Psychotherapeut*innen die Situation aus standespolitischen Gründen dramatisiert hätten, um für das Anordnungsmodell zu werben.
Die Umfrage der SGPP unter ihren Mitgliedern zeichnet jedenfalls ein anderes Bild als die Umfragen der Psychologenverbände. In der «Schweizerischen Ärztezeitung» haben Fulvia Rota, Rafael Traber, Catherine Léchaire und Erich Seifritz vom SGPP-Vorstand detailliert über die Resultate berichtet.
Die Realität ist wesentlich komplexer
Die Art und Weise, wie Umfragen der Psycholog*innen oder jene der Universität Basel in den Medien rezipiert werden, zeigt sich beispielsweise an diesem NZZ-Artikel, der mit Verweis auf die «Swiss Corona Stress Study» vermeldete, die Zahl der schwer Depressiven haben sich in der Corona-Krise verfünffacht. (Von 3,4 Prozent vor der Pandemie auf 18,4 Prozent in der zweiten Welle). In besagtem Artikel ging es hauptsächlich um die Auswirkungen der psychischen Krankheiten auf die IV.
Die SGPP konnte auch hier Stellung beziehen, konkret zu einem Vorschlag des Think-Tanks Avenir Suisse, die Kommunikation zwischen Arzt und Arbeitgeber zu verbessern. Auch hier gestaltet sich die Realität wesentlich komplexer: Fulvia Rota betonte, es dürfe nicht zu früh Druck auf die Patientinnen und Patienten ausgeübt werden, weil dies den Therapieerfolg und somit die Genesung beeinträchtigen könne. Zudem seien die Ärzte an das Arztgeheimnis gebunden. Viele Patientinnen und Patienten hätten Angst vor einer Stigmatisierung und wollten deswegen nicht sagen, dass sie in psychiatrischer Behandlung sind.
RTS-Interview über Forschungsergebnisse
Stephan Eliez, der Co-Präsident der SGKJPP und Professor am Departement für Psychiatrie der Universität Genf, konnte sich zusammen mit seiner Doktorandin Valentina Mancini im Rahmen der Wissenschafts- und Gesundheitssendung «CQFD» von RTS über die Wirkung von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) bei genetisch bedingten psychotischen Störungen äussern. So zeigen ihre Untersuchungen, dass die SSRI vor einem IQ-Verlust schützen können, wenn sie bereits im Jugendalter eingenommen werden. Das Team um Stephan Eliez analysierte die Krankenakten von 200 Patienten, die von der sogenannten Mikrodeletion des Chromosoms 22 betroffen sind. 30 bis 40 Prozent dieser Menschen entwickelten während des Untersuchungszeitraums von zwanzig Jahren signifikante Symptome einer Psychose oder Schizophrenie und verloren bis zu 15 IQ-Punkte zwischen dem Kinder- und Erwachsenenalter. Die Patienten, die insbesondere bereits im jungen Alter mit SSRI behandelt wurden, verzeichneten keine Abnahme ihrer kognitiven Fähigkeiten.
Eine andere wissenschaftliche Studie, die national wie international viel Aufmerksamkeit generierte, ist die schweizweit erste repräsentative Untersuchung zu den Auswirkungen von Corona auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die Studie unter der Leitung von Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Zürich (KJPP) sowie Vorstandsmitglied FMPP/SGKJPP, und Meichun Mohler-Kuo, ebenfalls Professorin an der KJPP und am Institut et Haute École de la Santé La Source in Lausanne, widmete sich den Auswirkungen des ersten Lockdowns auf die psychische Gesundheit und Bewältigungsmechanismen bei Kindern, Jugendlichen, ihren Eltern und bei jungen Erwachsenen. Beispielhaft erwähnt für die hohe Medienpräsenz sei hier der Betrag in der "Tribune de Genève". Wir haben auch im Newsletter 3/21 darüber vorab exklusiv berichtet. Eine Verlaufsstudie wird unter anderem vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt und soll in Kürze durchgeführt werden.
„Es droht die Gefahr, alles und jedes zu pathologisieren“
Unter diesem Titel erschien in der NZZ zum Abschied von Paul Hoff als stellvertretenden Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ein zweiseitiges Interview über die Psychiatrie und die Einordnung von psychischen Krankheiten. Mit Blick auf die während der Pandemie durchgeführten Umfragen zu Depressionssymptomen betonte Paul Hoff, dass eine Aussage wie „Mir geht es schlecht“ oder „Ich bin traurig“ noch keine Depression beweisen. Seine Aussage, wonach die Gefahr drohe, alles und jedes zu pathologisieren, bezog sich auf die Bemerkung der Journalistin Dorothee Vögeli, dass die Zahl der Krankheitsbegriffe in schwindelnde Höhen steige. „Eine solche Ausweitung der Psychiatrie wäre ein Irrweg“, so Paul Hoff.
Im Interview ging es auch um ein latentes Spannungsfeld in der Psychiatrie: Paul Hoff betonte, dass es eine unzulässige Verkürzung wäre, die Hirnforschung als massgebende Wissenschaft in der Psychiatrie zu bezeichnen, und der Rest, vor allem die interpersonale Beziehung zum Patienten, bloss noch als „nice to have“ zu betrachten. „Psychiatrisches Arbeiten ist weder nur das eine noch nur das andere. Meines Erachtens ist psychiatrisches Arbeiten primär, Respekt vor dem anderen zu haben, mit Personen im Dialog zu sein. Seit 40 Jahren bin ich mit diesem Menschenbild, das von Kant kommt, ziemlich gut gefahren.
Bei dieser Zusammenstellung handelt es sich um eine Auswahl an Medienberichten, in denen Vorstandsmitglieder von FMPP, SGPP und SGKJPP zwischen April und Juni zu Wort gekommen sind, oder in denen ein analytischer Blick auf die Psychiatrie gewährt wird.