
Vor knapp zwanzig Jahren hat die SGPP eine Delegiertenversammlung eingeführt. Mit der vorherigen Mitgliederversammlung gab es weniger Verbindlichkeit und weniger Interesse, sagt Beat Erne, der seit den Anfängen Schaffhauser SGPP-Delegierter ist. Ihm fehlt heute Raum für Diskussion und Debatte, weshalb es dafür neue Plattformen brauche.
Dr. Erne, seit wann sind Sie in der SGPP engagiert?
Seit 1996 bin ich Mitglied bei der SGPP. Seit es die Delegiertenversammlung gibt – also seit Ende der Neunziger Jahre – bin ich SGPP-Delegierter für den Kanton Schaffhausen.
Und was war vorher?
Vorher gab es eine Mitgliederversammlung. Die war allerdings für viele von uns nicht so von Interesse und der Vorstand war weit weg. Die Fachgesellschaft hatte für uns damals sekundäre Bedeutung. Wir nahmen auch wenig Einfluss. Viele von uns betrachteten es gar als eine Art «Vereinsmeierei». Von unserem Kantonalverband ging regelmässig ein Vertreter an die Mitgliederversammlung. Der berichtete uns dann in 3-4 Sätzen, was die in Bern so taten. Damals war es auch üblich, dass die Psychiaterinnen und Psychiater erst in die SGPP eintraten, wenn sie in die Praxis gingen. Die, die in den Institutionen arbeiteten wie auch die Assistenzärzte waren nicht dabei. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass je ein Vertreter der Fachgesellschaft Werbung für einen Beitritt gemacht hätte.
Es gab mehr Verbindlichkeit. Die Kantone wurden aufgefordert, Delegierte zu stellen. Zu Beginn gab es sogar drei Delegiertenversammlungen. Wir konnten uns da mehr einbringen, auch gab es die Präsidentenkonferenz und das Forum politicum. Es gab also verschiedene kleinere Gremien. Wir konnten uns besser einbringen und einen Konsens suchen. Auch mehr als heute.
Zu Beginn des Delegiertensystems hatten wir eine sehr lebhafte Diskussionskultur. Da diese immer mal ausuferte, brauchte es mehr Struktur, die hitzige Debatten in Bahnen lenkte. Damit fehlt heute aber auch etwas. Dazu kommt, dass mit der zeitgleichen FMPP-DV – die ich jedoch sehr befürworte – weniger Zeit an den Delegiertenversammlungen bleibt. Die SGPP-DV ist so irgendwie nur noch ein Anhängsel und eine Art «Frontalinformationsveranstaltung» statt ein Entwicklungs- und Diskussionsforum.
Ich persönlich bin gegenüber einer solchen Versammlung kritisch. Diese fördert Gruppierungen und die Durchsetzung von Partikularinteressen. Sie lässt auch Minderheiten wenig Raum. Dazu kommt die mangelnde Verbindlichkeit. Am Anfang kann es zwar einen Boom geben, aber mit der Zeit lässt das Interesse nach. Wir kennen dies ja auch in vielen Gremien, wie aus unserer Ostschweizer Psychiaterorganisation.
Ich würde es begrüssen, wenn es mehr Plattformen gebe, an denen wir uns austauschen, diskutieren und einen gemeinsamen Nenner finden könnten. Die Entwicklungen am Kongress mit dem Workspace unterstütze ich. Der Kongress, der sich ja sehr gut etabliert hat, kann gut als Forum dafür genutzt werden. Auch könnte man sich über die IT-gestützte Vernetzung der Mitglieder Gedanken machen.
Vielleicht braucht es mehr Wechsel bei den Delegierten, denn viele von uns sind ja schon seit langem dabei. Wir könnten hier beispielsweise mal über eine Amtszeitbeschränkung nachdenken. An den Delegiertenversammlungen selber braucht es unbedingt weniger Information und mehr Debatte. Beispielsweise können mehr Informationen vorab an die Delegierten gemailt werden – man darf uns also auch fordern. Dazu begrüsse ich die Einführung der erweiterten Vorstandssitzungen als Präsidentenkonferenz. Es braucht aber auch eine Einordnung der Sachlage: Die aktuelle Debatte um die Verbandsorganisation hat sicher etwas mit dem Tariffrust zu tun.
Vor dem Tarifstreit war standespolitisch gesehen, jeder unserer Schritte ein kleiner Fortschritt. Der Tarifeingriff ist der erste richtige Rückschlag. Die Reaktionen darauf sind verständlich, aber manchmal unproportioniert und verlagert. Schliesslich haben wir mit dem Delegiertensystem ein gutes und faires, an unserer nationalen Politik orientiertes föderalistisches System. Wollen wir das wirklich aufgeben?
Beat Erne ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach seinem Staatsexamen 1977 hat er seine Facharztweiterbildung in Bern, Biel, sowie in Kliniken im Wallis und im Jura absolviert. Anschliessend arbeitete er acht Jahr als Leitender Arzt in der psychiatrischen Klinik im Kanton Schaffhausen. Im Jahr 1996 eröffnete er in Schaffhausen seine psychiatrische Praxis, die er bis 2017 führte. Seither arbeitet er in einer Allgemeinarztpraxis als Mitarbeiter mit psychosomatischem Schwerpunkt. Über viele Jahre war er Präsident der «Schaffhauser Ärzte für Psychiatrie und Psychotherapie» und der „Ostschweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Seit 2006 ist er Prüfungsexperte an der FAP II der SGPP.